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Lockere Göttingen-Streife statt Jagd auf Drogendealer

Polizisten-Austausch mit den USA Lockere Göttingen-Streife statt Jagd auf Drogendealer

Nicht nur Schüler, Vereine oder öffentliche Verwaltungen pflegen den internationalen Austausch – auch die Polizei: Im Rahmen des „Star“-Programms sind zurzeit zwei Polizeibeamte aus Kalifornien bei ihren Göttinger Kollegen zu Gast. Am Freitag, 22. Mai,  waren sie mit auf Streife.

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Polizeikollegen aus Göttingen und den USA: Scheidemann, Madison, Hague und Tyra (v.l.).

Quelle: Vetter

Eins wird Heidi Hague und Dean Madison schon nach 20 Minuten klar: Gegen San Bernadino unweit von Los Angeles ist Göttingen unerhört friedlich und harmlos. In der ersten Stunde der Streifenfahrt im VW-Bus können ihre Gastgeber Rolf Tyra und Oliver Scheidemann ihnen nicht mehr bieten als drei Radfahrer, die wegen Fahrens auf dem Bürgersteig oder in falscher Fahrtrichtung in Einbahnstraßen unterwegs sind.

Zuhause kann es heikler werden. Madisons Aufgabe ist es, zivilrechtliche Ansprüche in Fakten umzusetzen. Dazu, sagt Madison, gehört auch schon einmal die Beschlagnahme eines nicht bezahlten Luxusautos oder der Herauswurf aus einem Haus, für das die Miete nicht bezahlt wurde. Für die Fälle, in denen sich die Betroffenen die Konsequenzen nicht gefallen lassen wollen, ist Madison da.

Heidi Hague hat es mit einer noch schwierigeren Klientel zu tun: Sie ist auf Drogendelikte spezialisiert und führt ihren eigenen Drogenspürhund, einen Labrador, mit sich. Zwar bedienen sich viele Dealer der normalen Post für den Drogentransport, aber dennoch gehört zu Hagues Aufgaben nicht nur die systematische Kontrolle von Post-Paketen, sondern auch der Einsatz auf der Straße einschließlich der Kontrolle verdächtiger Fahrzeuge. Dort ist dann nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch Durchsetzungsvermögen in heiklen Situationen gefragt.

Während der Göttinger Streifenfahrt geht es lockerer zu. Nachdem die drei Radler ermahnt wurden, sich demnächst an die Verkehrsregeln zu halten, geht es in die Südstadt. Hinter der Stadtgrenze stoßen die Beamten auf die nächste Untat: Südspangen-Gegner haben ein einem Ortsende-Schild nachempfundenes Protest-Bild an einem Geländer angebracht. Weil es sich um öffentlichen Grund und Boden handelt, wird das Schild entfernt. Die Reste verschwinden im Heck des VW-Bullis.

US-Spezialfahrzeug

Die kalifornischen Kollegen sind im Regelfall mit anderen automobilistischen Kalibern unterwegs. Madison fährt auf seinen Einsätzen einen Chevrolet Tahoe, einen hochbeinigen SUV-Benzinfresser mit fast 300 PS. Drogen-Cop Hague pilotiert einen Ford Crown Victoria – allerdings nicht die Standard-Version, sondern die spezielle „Police Interceptor“-Ausführung mit leistungsverstärktem V-8-Motor und umgebautem Fahrwerk für eine dramatisch verbesserte Straßenlage des im Normalfall in Kurven windelweichen US-Schiffs. 

Ein bisschen Dampf unter der Haube kann nicht schaden: Das Einsatzgebiet von Hague und Madison ist weniger übersichtlich als Stadt und Landkreis Göttingen: San Bernadino County (ein County entspricht verwaltungstechnisch etwa einem deutschen Landkreis) ist der größte der gesamten USA, einmal abgesehen von einigen Gebieten in Alaska. Es ist die geographische Nähe von San Bernadino zu dem Stadtmoloch Los Angeles und zur mexikanischen Grenze, sagt Hague, die auf das Kriminalitätsprofil in ihrer Region durchschlägt: Es seien sehr viele Delikte, die mit Drogen zu tun haben.

In Göttingen verrät sie denn auch einige Tricks, mit denen  sie zu Hause nicht so gern hausieren geht. Junge Leute in teuren Sportwagen, sagt Deputy-Sheriff Hague, seien nicht automatisch verdächtig. Misstrauisch werde sie allerdings dann, wenn im Zündschloss nur der Autoschlüssel, nicht aber andere Schlüssel steckten und der Wagen nicht auf den Fahrer zugelassen sei. Dann, weiß die erfahrene Polizistin, diene das Auto nicht selten in erster Linie dem Drogentransport. 

Mit der Erinnerung an die härtere Gangart in der Heimat im Hinterkopf löste bei den beiden US-Cops der Besuch im Rosdorfer Gefängnis die größte Verwunderung aus. „Sehr interessant. War ja gar kein Knast, sondern eher ein Hotel“, meint Hague. In den USA dürften Insassen nur nach Aufforderung sprechen und sich in einigen Anstalten nur entlang aufgemalter Markierungen bewegen. Als die US-Gäste in Rosdorf hingegen den Auftritt eines Gefangenen mitbekamen, der einen Wärter anschrie, sagt die US-Polizistin, „hab’ ich nur gedacht, wann kriegt der Kerl seinen Tritt in den Arsch?“

Von Matthias Heinzel

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