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„Mann über Bord“ für den guten Zweck

Thema des Tages „Mann über Bord“ für den guten Zweck

Sie gelten als Helden der Seefahrt: die Seenotretter. Seit 150 Jahren gibt es die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Einer von ihnen ist der Göttinger Architekt Carsten Schleevoigt. Mit ihm und der Stammbesatzung eines Seenotrettungskreuzers fuhr Tageblatt-Redakteur Jürgen Gückel hinaus auf die Nordsee, um „Mann über Bord“ zu üben.

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Beiboot Biene steuert die Hermann Helms an: Seenotretter Torsten und Claus nach dem Mann-über-Bord-Einsatz.

Quelle: Gückel

Cuxhaven/Göttingen. „Mal schau‘n, wo unsere Spenden bleiben!“ Kalle und seine Freunde, vier Senioren, die „vor‘m Oktoberfest an die Küste geflohen“ sind, dürfen an Bord kommen. Zu Hause haben sie manchen Groschen ins schwarz-weiß-rote Spenden-Schiffchen der Seenotretter geworfen.

Hier in Cuxhaven stehen sie erstmals auf einem der Rettungskreuzer mit dem typischen Beiboot und staunen. So also leben die Helfer und Helden der Seefahrt.

Das kleine Schiffchen vom Kneipentresen, „unsere 33-Zentimeter-Klasse“, ist das wohl immer noch bekannteste Wahrzeichen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Die Spendendose, die 14 000-fach in deutschen Gasthäusern steht, trägt bei zum Spendenerlös von 20,8 Millionen Euro im Jahr - aber nur zu einem kleinen Teil.

Das Gros der Spenden sind solche, die von Fördermitgliedern regelmäßig eingehen. Sie einzuwerben, haben die Retter Helfer. An dieser Stelle kommt Carsten Schleevoigt ins Spiel. Das nur geringfügig größere Schiffchen in der Modellbauabteilung mit dem typischen Beiboot, ist Wahrzeichen Nummer zwei der Seenotretter. Es ist der Taum vieler Jungen.

Auch der von Carsten Schleevoigt. Seenotrettungskreuzer mit Beiboot war sein erstes selbstgebautes Modellschiff. Seitdem ist er den Rettern verbunden. Der 42-jährige Göttinger ist seit dem Frühjahr nicht nur Förderer, sondern aktives Mitglied, das nach ausführlicher Ausbildung über die Aktivitäten der DGzRS informiert.

Sie gelten als Helden der Seefahrt: die Seenotretter. Seit 150 Jahren gibt es die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Einer von ihnen ist der Göttinger Architekt Carsten Schleevoigt. Mit ihm und der Stammbesatzung eines Seenotrettungskreuzers fuhr Tageblatt-Redakteur Jürgen Gückel hinaus auf die Nordsee, um „Mann über Bord“ zu üben. © Gückel

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Gerade hat er im Lions-Club berichtet. Auch Schulklassen schildert er die Taten der Seeretter. Und jetzt geht er für die DGzRS sogar baden.

Es ist eine Übung: Mann über Bord. Mit großem Platsch ist Schleevoigt in die Außenreede gesprungen. Jetzt treibt er in der Elbemündung. Ein Überlebensanzug, sein Geschenk an die Besatzung des Kreuzers, hält ihn trocken. Die Hermann Helms, ein Kreuzer der 27,5-Meter-Klasse, 30 Jahre alt und in Cuxhaven stationiert, lässt das Beiboot Biene zu Wasser.

Torsten Brunshagen und Claus Hans steuern mit spritzender Heckwelle auf den Schiffbrüchigen zu. „Ich dachte, die versenken mich“, wird Schleevoigt später sagen. Doch sie müssen nah heran an das Opfer der See. Minuten nur, dann ist Schleevoigt gerettet.

Heute war die See glatt, die Sicht gut, das Wasser noch warm. Die Retter fahren aber auch raus bei Nacht und Nebel, Sturm und Gischt, weit in die Nordsee oder hinein in die Priele des Wattenmeeres. Sie retten vor der Flut flüchtende Wattwanderer oder die bei Unfällen verletzte Bohrinsel-Besatzung.

Sie schleppen auf Grund gelaufene Segeljollen von der Sandbank oder suchen und retten über Bord gegangene Fischer. 2200 Mal waren die Seenotretter im vergangenen Jahr im Einsatz. Die Bilanz ihrer 60 Rettungskreuzer und Boote in Nord und Ostsee: 55 Menschen aus Seenot gerettet, 713 aus einer drohenden Gefahr befreit, 438 Mal Erkrankte oder Verletzte von Seeschiffen, Inseln oder Halligen aufs Festland gebracht, 64 Schiffe oder Boote vor dem Totalverlust bewahrt, 981 Hilfeleistungen für Wasserfahrzeuge und 569 Einsatzanläufe und Sicherungsfahrten. Das war das vorerst letzte von 150 Jahren des Bestehens.

Darüber berichtet Schleevoigt, wenn er vor Schulklassen oder Vereinen steht. Spontan spenden die Zuhörer danach oder treten gar als Fördermitglied bei. Eine Richterin verhängte die nächste fällige Geldbuße gleich zu Gunsten der Seenotretter. Und auch Kalle und seine Freunde denken darüber nach, nun Förderer zu werden.

Senioren ihres Alters müssen übrigens oft gerettet werden: Wenn sie in Hamburg an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gestiegen sind und vor Aufregung schon nach den ersten Seemeilen einen Herzinfarkt bekommen haben. Bei Cuxhaven besteht die erste und letzte Chance der Rettung. „Und das passiert verdammt oft“, sagt Vormann Hanno Renner.

Allzeit einsatzbereite Männer-WG

Cuxhaven. Wie in jeder WG: Am liebsten ist allen, Torsten kocht. Der kann das. Dann vermisst Axel sein Fleisch nicht, und die vegetarischen Experimente von Vormann Hanno Renner bleiben allen erspart. Aber wie es eben so ist: Jeder muss mal ran. Man muss sich also verstehen, wenn man 14 Tage lang rund um die Uhr auf 27,5 Metern Schiff lebt und jede Sekunde ein Einsatz kommen kann. Dann müssen die vier Männer binnen Minuten ablegen – und das Essen wird kalt.

Vormann, so heißt der Kapitän bei den Rettern, ist Hanno Renner. Der 43-Jährige hat als Kind in Rosdorf gelebt, heute in Lübeck. Seine Frau Lotta ist mit Leinewasser getauft. Schwiegermutter Antje Brockmüller, eine bekannte Göttingerin, war es denn auch, über die Vormann Renner und der Göttinger Architekt Carsten Schleevoigt in Kontakt kamen. Schleevoigt war von der Aufgabe seines Freundes so fasziniert, dass er DGzRS-Mitarbeiter wurde und Renner oft im Dienst besucht.

Dieser Dienst auf dem Seenotrettungskreuzer Hermann Helms braucht eingeschworene Mannschaften, die sich verstehen - nicht nur beim Essenkochen. Immer zwei Nautiker, stets zwei Maschinisten, so der Plan. Fällt einer aus, wenn auch nur für Stunden, muss ihn ein Freiwilliger ersetzten. So wie heute Axel. Der muss zum Zahnarzt. Claus füllt die Lücke.

Die Kombination Zwei zu Zwei macht Sinn. Schließlich gilt es, zwei Boote zu steuern: die Helms und Beiboot Biene, benannt nach der Tochter des einstigen DGzRS-Wiederbegründers Helms, nach dem das Schiff benannt ist. Es ist eines der Oldies, soll 2017 ersetzt werden. Die neuen Kreuzer werden einen geschlossenen Führerstand haben.

Auf der Helms steht Renner noch beim stärksten Sturm im offenen Stand, steuert die 3200 PS aus drei Maschinen mit bis zu 24 Knoten, das ist Tempo 44, durch die See. Renner hat das Kapitänspatent und ist seit 15 Jahren Retter. Bis zu 90 Einsätze pro Jahr - da kann man was berichten.

Es sind dann die Kollegen, die die Stichworte geben: Wie die Helms-Besatzung einmal einen Motorboot-Dieb jagte und erst hinterher erfuhr, dass der bewaffnet war. Wie ein flüchtiger Dieb sich schwimmend zu retten suchte, und immer, wenn das Beiboot ihn aufnehmen wollte, abtauchte. Mit dem Enterhaken haben sie ihn herausgezogen. Wie der Zoll einmal eine Segeljacht voller Kokain aufbrachte und die Helms diese dann abschleppte.

Lustige, aber viele traurige Geschichten sind dabei: vom schwer verletzten Fischer, der unterkühlt die Rettung durch den Hubschrauber nicht überlebte, oder vom jungen Vater kurz vor der Hochzeit, der bei einer Wattwanderung im Priel unterging. Sein dreijähriges Kind wurde gerettet. Man kann ihnen stundenlang zuhören, auch ihrem Gefrotzel über das Essen.

Das muss bei Rettern eine besondere Rolle spielen. Es gibt im Fan-Shop der DGzRS ein Seenotretter-Kochbuch (http://seenotretter-shop.de/das-seenotretter-kochbuch.html), darin einige Rezepte von Helms-Koch Torsten. Der Clou aber ist Huhn auf Dose, Lieblingsmenü der Retter. Der Alkohol in der Dose freilich verkocht, denn getrunken wird nicht in den 14 mal 24 Stunden.

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