Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Medizinhistorische Rundgänge durch Göttingen

Vom Scharfrichter zum Universitätsmediziner Medizinhistorische Rundgänge durch Göttingen

Zähne ziehen, Knochenbrüche richten oder den Star stechen: Es gab Zeiten, da waren sich studierte Mediziner für solche Aufgaben zu fein. Das hat Stadtführerin Margareta Hultsch am Sonntag während eines medizinhistorischen Rundgangs durch die Göttinger Innenstadt 25 Teilnehmern berichtet.

Voriger Artikel
HAWK-Professor: Wildbrücke bei Roringen erfüllt ihren Zweck
Nächster Artikel
B3-Tunnel in Bovenden für Vorführung gesperrt

Margareta Hultsch vor der Ratsapotheke.

Quelle: Heller

Göttingen. Bis in die Frühe Neuzeit zogen Bader, Betreiber von Badestuben, kaputte Zähne. Scharfrichter, die auch für das Foltern Verdächtiger zuständig waren, führten nebenher chirurgische Eingriffe durch. Wanderärzte, wie Johann Andreas Eisenbarth, der 1727 im Göttinger Gasthaus „Zum Schwarzen Bären“ in der Kurzen Straße sein Testament verfasste, stachen den Star.

 
Heilkräuter bot in Göttingen die 1332 gegründete Ratsapotheke an. Ihre Produkte waren wenige Jahre später während der Pestepidemie besonders gefragt. Medizinalpflanzen bauten zudem Mönche und Nonnen an. In Göttingen spielten die Barfüßer in der Barfüßerstraße und die Dominikaner im Papendiek eine wichtige Rolle. „Als mit Durchsetzung der Reformation 1529 die Ordensleute der Stadt verwiesen wurden, brach die medizinische Versorgung zusammen“, erzählt Hultsch.

 
Zur Ausbildung von Studenten in der Geburtsheilkunde entstand 1790 in der Kurzen-Geismar-Straße das Accouchierhaus. Die akademische Medizin entdeckte damals dieses Feld für sich, zuvor lag es ausschließlich in dem Zuständigkeitsbereich von Hebammen. Da die Frauen zunächst zurückhaltend auf das Angebot reagierten, bot die Universität dort bei ungewollten Schwangerschaften diskrete Entbindungen an. Im Gegenzug durften Medizinstudenten bei der Geburt zuschauen. 

 
Auf der anderen Straßenseite hatte bereits 1781 Professor August Gottfried Richter in einem ehemaligen Wirtshaus das erste akademische Hospital der Stadt errichten lassen. „Es nahm während des Semesters Kranke auf, deren Leiden gerade auf dem Unterrichtsplan standen“, erklärt Hultsch. Zwei von Richters Assistenten gründeten später in der Stadt eigene Kliniken. Der Augenarzt Karl Gustav Himly baute am Stumpfebiel, Ecke Mühlenstraße, die Himlysche Klinik auf. Er wurde später tot aus dem Leinekanal gezogen. „Er hat sich eventuell selbst getötet“, berichtet Hultsch. Konrad Langenbeck hatte mit einer Klinik in der Goetheallee Ecke Geiststraße Erfolg.

 
„In der Geiststraße entstand 1850 die Ernst-August-Klinik, das erste für alle Krankheiten zuständige Universitätsklinikum“, sagt die Stadtführerin. Benannt wurde es nach dem Sponsor. Welfenkönig Ernst-August hatte nach seinem Amtsantritt 1837 das Staatsgrundgesetz aufgehoben. Sieben Professoren protestierten und mussten gehen: die Göttinger Sieben. Der Standort nahe des Walls erwies sich jedoch nicht als optimal. Weil es keine Expansionsflächen gab, zog das Universitätsklinikum erst in die Humboldtallee und später nach Weende. mic

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Weihnachtsdeko in Göttingen und Umgebung