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Pilze, tödlicher Felgenreiniger und Opas Herztabletten

Jahresbericht GIZ Nord Pilze, tödlicher Felgenreiniger und Opas Herztabletten

Die Experten vom Giftinformationszentrum Nord am Göttinger Klinikum hatten 2016 mehr Fälle denn je zu bearbeiten. Derzeit hält sie vor allem die Pilzsaison in Atem.

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Auch in der Region zu finden: Der Tintenfischpilz stammt aus Australien. Er ist nicht giftig.

Quelle: bib

Göttingen. Das Giftinformationszentrum Nord (GIZ) hat auch im Jahr 2016 wieder eine steigende Zahl von Anfragen verzeichnet. Mit 38 623 Anrufen haben die Mitarbeiter mehr Vergiftungsfälle denn je bearbeitet.

Aus dem Jahresbericht, den das GIZ jetzt herausgeheben hat, geht hervor, dass die häufigste Art der Vergiftungen eine mit Arzneimitteln ist. Das GIZ, das am Universitätsklinikum Göttingen angesiedelt ist, ist für ganz Norddeutschland zuständig. „Die Zahl der Fälle ist, wie fast jedes Jahr, wieder angestiegen“, sagt Dr. Martin Ebbecke, der gemeinsam mit Dr. Andreas Schaper das Zentrum leitet. Nach den Vergiftungen mit Medikamenten folgten die, die chemische Produkte wie Desinfektionsmittel oder Brennspiritus auslösten. Auf den Plätzen drei und vier folgen Pflanzenvergiftungen und solche, die aus der Aufnahme von Nahrungs- und Genussmitteln und Kosmetikprodukten resultierten. Vor allem Kinder sind gefährdet. Der größte Teil aller Fälle fällt auf Patienten in der Altersgruppe ein bis vier Jahre (12308 Fälle), 7282 Anfragen drehten sich um erwachsene Vergiftete im Alter zwischen 20 und 49 Jahren. Und: Auch Tiere zählen zu Ebbeckes Patienten. In der GIZ-Statistik tauchen nicht nur knapp 500 Hunde mit Vergiftungen auf, auch 255 Vögel zählen zu den Fällen des Jahres 2016. „Das war ein ganzer Hühnerstall, in dem versehentlich Rattengift in Umlauf gekommen war“, erinnert sich Ebbecke.

Meistens wird ein toxischer Stoff versehentlich aufgenommen (24750 Fälle), nicht selten stecken Suizidabsichten dahinter (5794). 205 der Fälle fallen in die Kategorie „Fremdeinbringung“. Ebbecke gibt aber Entwarnung, es handele sich dabei nicht um Giftmorde, sagt er. „Dahinter stecken beispielsweise Fälle, in denen Schüler sich mit Pfefferspray besprühten, oder auch Kinder, die ziemlich authentisch Tierarzt spielten. Die Kinder hatten ihrem Hund Opas Herztabletten eingeflößt.“

Doch nicht immer gehen die Fälle, in denen die Göttinger Experten zu Rate gezogen werden, glimpflich aus. Elf Tote stehen in der Jahresstatistik. „Die Dunkelziffer ist um ein weiteres höher“, sagt Ebbecke. Nicht immer werde eine Todesursache ermittelt. An einen tragischen Fall erinnert er sich. Der Onkel eines jungen Mannes hatte in seiner Spedition einen besonders effektiven Felgenreiniger abgefüllt – in eine Getränkeflasche. Der 20-Jährige, der davon trank, überlebte nicht. Elfe Fälle, das sei laut Ebbecke „nur die Spitze des Eisbergs“.

Kleine Kinder

Neben versehentlich eingenommenen Medikamenten, Kosmetik- oder Hygieneprodukten sind es die Pflanzen, die immer wieder zu Vergiftungen führen. Ganz vorne die Eibe (238 Fälle), Ficus, Goldregen, Orchideen und der „Klassiker“ Kirschlorbeer finden sich in der Liste. 17-mal wurden die GIZ-Mediziner bei Spinnenbissen zu Rate gezogen. Die Folgen blieben „leicht“, nicht schlimmer als ein Insektenstich, so Ebbecke.

Durchaus dramatischer kann eine Pilzvergiftung verlaufen. 2017 entwickelt sich zu einem starken Pilzjahr. „Wir hatten im Juli so viele Fälle wie noch nie“, so der Mediziner. Im August lag nur das bisherige Pilz-Rekordjahr 2010 vor 2017, auch der September und der Beginn es Oktobers brachten den Experten „außergewöhnlich viele“ Pilz-Fälle. Bislang habe es aber, im Gegensatz zu 2010, keine Todesfälle gegeben. Ebbecke: „Aber wir hatten bereits zahlreiche schwere Vergiftungen, vorwiegend mit Knollenblätterpilz.“

Von Britta Bielefeld

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