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Mein Anliegen war, soziale Spannungen zu beheben"

Interview mit Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck Mein Anliegen war, soziale Spannungen zu beheben"

Nach 28 Jahren in der Göttinger Stadtverwaltung endet die Amtszeit von Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck. Die 58-Jährige war zeitweise auch für die Bereiche Jugend und Kultur zuständig. 

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Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck verabschiedet sich nach 28 Jahren in der Göttinger Stadtverwaltung.

Quelle: CH

Göttingen. Im Interview blickt sie zurück auf Hartz-IV-Gesetze, den Einsatz für Krippen und gegen Kinderarmut, Kürzungen im Kulturbereich, Gedenkkultur und die Musikstadt Göttingen.

GT: In Ihre Amtszeit fallen die einschneidenden Hartz-IV-Gesetze im Sozialbereich. Wie haben Sie die Entwicklung hier in Göttingen erlebt?

Schlapeit-Beck: Wir hatten in der Stadt große Anstrengungen unternommen, um Langzeitarbeitslose auf dem zweiten Arbeitsmarkt sinnstiftend zu beschäftigen und für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Wir waren dabei auch sehr erfolgreich – deswegen war es sehr bitter, als der zweite Arbeitsmarkt nach den Hartz-IV-Gesetzen nicht mehr gefördert wurde.

Ein weiteres Problem war, dass der Landkreis Göttingen damals die Verantwortung im Bereich der Hilfeempfänger an sich zog, wo die Stadt zuvor selbstständig gehandelt hatte. Mit Landrat Bernhard Reuter und Dezernent Marcel Riethig hat sich dies wieder geändert. Die Stadt arbeitet mit dem Landkreis in der Beschäftigungspolitik wieder gut zusammen, aber der Gesetzgeber engt die Möglichkeiten der Förderung für Arbeitlose mit Vermittlungshemmnissen zu sehr ein.

Bis zu einer Umstrukturierung 2007 waren sie auch für den Bereich Jugend zuständig – und damit auch für den Bereich Kindergärten, der enorm gewachsen ist.

Mein Hauptaugenmerk galt dem bedarfsgerechten Ausbau von Krippen- und Kindergärtenplätzen. Göttingen hatte dadurch bereits eine Vollversorgung, bevor der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz kam.  Der Ausbau der Krippenerziehung war zu Anfang noch ein umstrittenes Thema, denn es gab weltanschauliche Vorbehalte dagegen, so kleine Kinder in eine Betreuung zu geben. Die pädagogischen Erfolge der Krippenerziehung sind inzwischen allgemein anerkannt.

Es ging mir aber nicht nur darum, eine ausreichende Zahl von Plätzen zu schaffen, sondern auch um eine höhere Qualität der Kinderbetreuung. Wir haben in Göttingen eine große Trägervielfalt. Es gibt Kindertagesstätten mit den Schwerpunkten Fremdsprache, Sport oder Musik, es gibt Einrichtungen, die an einen Betrieb angedockt sind oder besondere Öffnungszeiten haben. In Göttingen haben wir heute das beste Kinderbetreuungsangebot in den westdeutschen Bundesländern. Das ist auch ein wichtiger Standortfaktor für die Stadt Göttingen.

In Göttingen standen in der Vergangenheit einige Wohnviertel in einem nicht so guten Ruf.

Mein großes Anliegen war es, soziale Spannungen zu beheben und benachteiligte Stadtteile attraktiver zu machen. 1999 waren ich damit erfolgreich, Grone in das Förderprogramm „Soziale Stadt“ zu bringen. Wir konnten dadurch die Wohnverhältnisse in Grone nachhaltig verbessern. Auch durch das Nachbarschaftszentrum Grone.

Und manchmal durch Kleinigkeiten, wie dadurch, dass Informationen zur Müllabfuhr oder Mietverträge in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Für die Weststadt hat es lange gedauert, bis wir endlich in das Förderprogramm aufgenommen wurden. Leider steht dort wesentlich weniger Geld zur Verfügung als damals für Grone. Ich habe mich sehr für die Stadtteilzentren in Göttingen eingesetzt, die die Nachbarschaft in den Stadtteilen unterstützen.

Es gibt ein Weststadtzentrum und ein Stadtteilzentrum auf dem Leineberg. Auf dem Holtenser Berg wollen wir noch in diesem Jahr ein Stadtteilzentrum eröffnen. Die evangelische Bethlehemgemeinde hat dafür Räume zur Verfügung gestellt. Wir hoffen, dass wir dafür noch eine Landesförderung erhalten.

Die Stadtverwaltung Göttingen hat vor einigen Jahren einen Masterplan gegen Kinderarmut vorgelegt.

Es war mir wichtig, dass wir den Kampf gegen Kinderarmut aufgenommen haben. Dazu gehört vor allem die Unterstützung Alleinerziehender. In Göttingen lebt jedes vierte Kind in einer Familie mit nur einem Elternteil. 40 Prozent dieser Kinder beziehen Sozialleistungen. Ich habe einen Runden Tisch gegründet, um die Hilfen für Alleinerziehende zu vernetzen.

Diese rufen oft nicht alle ihnen zustehenden staatlichen Leistungen ab. Unsere Hilfen für Alleinerziehende sind sehr erfolgreich und wurden bereits ausgezeichnet. Ich habe auch die Schulen angeschrieben und dafür sensibilisiert, dass die Kosten der verlangten Schulmaterialien für viele Familien eine hohe Hürde darstellen.

Welche sozialen Themen habe in Ihren Amtszeiten noch eine große Rolle gespielt?

Der soziale Wohnungsbau war mir sehr wichtig – auch in den 1990er-Jahren hatten wir Wohnungsnot in Göttingen. Mit der Ausweisung neuer Baugebiete und in Zusammenarbeit mit der Städtischen Wohnungsbau und den Wohnungsgenossenschaften haben wir gegengesteuert. Gerne habe ich auch das Studentenwerk bei  innovativen Wohnheimkonzepten unterstützt.

Schon damals waren auch Flüchtlinge ein Thema – es gab den Bürgerkrieg im Kosovo und Aussiedler aus der damaligen GUS. Damals mussten sogar Turnhallen belegt werden. Ein weiteres wichtiges Feld war für mich, gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden, der Aufbau einer verbindlichen, flächendeckenden Pflegeversorgung in Göttingen. Und mit der Alten-WG im Goldgraben sind wir neue Wege beim Wohnen im Alter gegangen.

In ihren Bereich fällt auch das Thema Gesundheit – vor einigen Jahren wurde die Gesundheitsregion Göttingen gegründet.

Jeder vierte Arbeitsplatz in Göttingen befindet sich im Gesundheitswesen. Ich habe mich für die Gründung der Gesundheitsregion eingesetzt. Denn es gibt in Göttingen zwar eine hervorragende medizinische Versorgung, aber wir brauchen eine  bessere Vernetzung und die Sicherung der gesundheitlichen Versorgung in der Fläche

2002 haben sie den Fachbereich Kultur übernommen. Dort gab es im Zuge der Haushaltskonsolidierung nicht nur Lorbeeren zu ernten.

Kulturdezernentin in Göttingen zu sein war wunderschön und schwierig zugleich. Es gibt ein große, schillernde kulturelle Vielfalt in der Stadt, ein tolles Miteinander von klassischer Kultur und Soziokultur. Als Kulturdezernentin wollte ich natürlich die Möglichkeiten erweitern und neue Angebote schaffen. Doch im Zuge der Haushaltskonsolidierung ging es um Kürzungen.

So wurde es meine Hauptaufgabe, die kulturellen Einrichtungen durch die Haushaltsstürme der Zeit zu bringen – das Junge Theater und das Apex auch durch eine Insolvenz. Meine wichtigste Leistung war es, alle Kultureinrichtungen zu erhalten, obwohl durch das Entschuldungshilfeprogramm teils erhebliche Kürzungen vorgenommen werden mussten.

Was wäre denn wünschenswert im Bereich der Kultur?

Wichtig wäre es, wenn es ein größeres Kulturangebot am Campus gäbe und wenn es für Künstlerinnen und Kreative schlichte Räume ohne hohe Mieten gäbe, die Entfaltungsräume schaffen. Göttingen ist eine Stadt der Theater und der Musik, die Bildende Kunst kommt bisher zu kurz – das ändert sich aber mit dem Kulturquartier Kuqua.

Ich wünsche mir allerdings, dass es gelingt, für dieses ambitionierte Projekt mehr Geld einzuwerben, sodass es keine Kürzungen bei anderen Institutionen wie dem Städtischen Museum  geben muss. In der Öffentlichkeit musste ich die Verwaltungsmeinung vertreten, dass die Gegenfinanzierung für das Kuqua aus dem Kulturetat zu bestreiten sei. Wäre es nach mir gegangen, hätte das Geld dafür an anderer Stelle eingespart werden können.

Wie geht es weiter mit dem Museum?

Für das Städtische Museum  ist es wichtig, dass bald eine Entscheidung über den Standort fällt. Wir haben vor der Sanierung das Museum durch ein neues Ausstellungskonzept profiliert. Zufrieden bin ich damit, dass wir jetzt erstmals nach 125 Jahren über ein professionelles Museumsdepot verfügen. Ich habe angestoßen, dass das Städtische Museum das erste kommunale Museum in Niedersachsen war, das aktiv unrechtmäßig während der NS-Zeit erworbene Sammlungsgegenstände an die Besitzer zurückgegeben hat.

Die Familie Hahn etwa hat uns die Möbel als Dauerleihgabe dann wieder zur Verfügung gestellt – entscheidend war jedoch die Versöhnungsgeste der Stadt. Auch bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Opfer der NS-Diktatur gab es für mich zutiefst berührende Begegnungen mit den Nachfahren der Opfer. Ich bin froh, dass wir jetzt auch in Göttingen Stolpersteine verlegen können. Die Gedenkkultur ist mir sehr wichtig, deshalb habe ich auch den Widerstand in Göttingen gegen die NS-Diktatur aufarbeiten lassen. Es ist überfällig, dass die Menschen im Widerstand in Göttingen eine Erinnerungsstätte erhalten. 

Braucht die Stadt mehr Geld für Kultur?

Ja, Göttingen engagiert sich für die Kultur enorm. Göttingen gibt pro Jahr 120 Euro pro Einwohner für Kultur aus, in Braunschweig sind es 70 Euro, in Hannover 50. Göttingen fehlt jedoch bisher die nötige finanzielle Unterstützung des Landes. Die Präsentation der herausragenden Universitätssammlungen im Forum Wissen müsste das Land Niedersachsen finanzieren.

Wie erlebt die Dezernentin selbst die Debatten über Kultur in der Stadt?

Es gab etwa bei der Intendantensuche für die Theater und die Händelfestspiele in den Findungskommissionen sehr tiefschürfende Debatten über Kunst. Und immer wieder hatte ich im Amt außergewöhnliche Begegnungen mit renommierten Künstlern und Persönlichkeiten, sei es Günter Grass, Siegfried Lenz, Marie Marcks, Armin Mueller-Stahl oder Joachim Gauck.

Die Ausgaben für das  Göttinger Symphonie Orchester werden in den Ratsgremien ständig hinterfragt. Aber Göttingen ist eine internationale Stadt und Musik ist international. Das GSO besticht über die reine Musik hinaus durch seine tolle Breitenarbeit. Und in Göttingen gibt es eine herausragende Kirchenmusik, meine höchste Anerkennung für die vielen Ehrenamlichen in den Kantoreien. Die Kultureinrichtungen strahlen aus in diese lebendige Stadt, und dafür habe ich mich gerne eingesetzt.

Sie sind jetzt 58 Jahre alt. Was machen Sie in Zukunft?

Ich kandidiere für die SPD bei der Kommunalwahl für den Kreistag. Zukünftig werde ich wieder stärker publizistisch und wissenschaftlich arbeiten. Zudem will ich andere Institutionen als Expertin dabei unterstützen, Förderanträge zu schreiben.

Interview: Jörn Barke, Michael Brakemei

Mit 29 Jahren Dezernentin

Dagmar Schlapeit-Beck wurde 1958 in Hamm / Westfalen geboren und wuchs ab 1961 in Düsseldorf auf. Von 1977 bis 1983 studierte sie, ab 1979 als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung, Sozialwissenschaften und Kunstgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Danach war sie zwei Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Politikwissenschaft an der Universität tätig und promovierte 1984 im Fach Kunstgeschichte.

Von 1985 bis 1988 wirkte sie als Leiterin der Gleichstellungsstelle für Frauen der Stadtverwaltung Leverkusen. Im Alter von 29 Jahren wurde Schlapeit-Beck 1988 zur Sozialdezernentin der Stadtverwaltung Göttingen gewählt. Zu dem Amt gehörten auch die Bereiche Gesundheit und Jugend. 2000 erfolgte die Wiederwahl. 2002 übernahm sie den Fachbereich Kultur mit, gab dafür 2007 den Fachbereich Jugend an ein anderes Dezernat ab. Im gleichen Jahr wurde sie erneut wiedergewählt.

Anfang 2016 gab der neue Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) bekannt, die Parteikollegin Schlapeit-Beck nicht erneut für eine Wiederwahl vorzuschlagen. Stattdessen wurde die Stelle neu ausgeschrieben und im Juni 2016 Petra Broistedt als neue Sozial- und Kulturdezernentin gewählt. Sie soll ihr Amt am 1. Oktober antreten. bar

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