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Meine Bank des Vertrauens

Tageblatt-Wochenendkolumne Meine Bank des Vertrauens

Meine Bank. Ich meine jetzt nicht das Kreditinstitut meines Vertrauens, sondern meine Bank am Kiessee. Auf der Seite zum Stadion unten am Wasser, den Spielplatz im Rücken. Es ist vielleicht der schönste Ort Göttingens, wegen der Landschaft, der Tiere – aber vor allem wegen der Menschen, die vorbei kommen, gehen oder laufen und von denen man für ein paar Sekunden ganz viele Dinge erfährt.

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Chefredakteur und Geschäftsführer des Göttinger Tageblatts: Uwe Graells.

Quelle: EF

Jetzt, wenn die Sonne scheint und zahlreiche Kiesseebesucher flanieren, ist meine Bank besonders interessant. Einfach unauffällig hinsetzen, so tun, als sei man gedankenverloren gar nicht richtig bei der Sache und die Ohren aufstellen. Herrlich.

Zwei ältere Frauen kommen näher. Das Geschnatter der Enten im Hintergrund verstummt förmlich gegen das Gezeter der beiden. Wie arrogant sich denn beim letzten Treffen die Helga verhalten hat, so eine Kuh. Diese Wortwahl hätte man der Dame gar nicht zugetraut. „Also ich geh da nicht mehr hin, die kann mich mal.“ Auch ihre Freundin scheint nicht besser drauf. Schade, dass die beiden so schnell unterwegs sind…

Zwei Jogger, hohes Tempo:  „Die BG will gar nicht in die Play-Offs.“ „So ein Quatsch, die haben nicht mit Absicht verloren“, pustet der andere. Und weg sind sie. Auf was für Gedanken die Leute so kommen.

„Die Merkel war in der Stadt.“ Die Mitfünfzigerin scheint gut informiert. „Das glaube ich nicht“, sagt ihre männliche Begleitung, „die ist doch in Italien, im Urlaub“. Wie gerne möchte man jetzt helfen. Nein, die Kanzlerin gehört nicht dem Fraktionsvorstand der großen Koalition an, der in der Aula am Wilhelmsplatz getagt hat. Und nein, der Urlaub ist auch längst vorbei. Aber was soll’s?

„Wie hoch geht’s heute?“ Zwei Jugendliche haben alle Hände voll. Fernsteuerung in der einen Hand, die Drohne in der anderen. Keine Ahnung, wo die beiden ihre Flugobjekte steigen lassen wollen. Hoffentlich nicht in der Nähe meiner Bank.

Was ist das für eine Sprache? Serbisch? Kroatisch? Verflucht, ich ärgere mich immer, wenn ich solche Fragen nicht selbst sofort beantworten kann. Das Pärchen, das gerade vorbei schlendert, hat bestimmt ein spannendes Thema.

„Papa!“ Den Ton kenne ich zu gut. Der Spielplatz hat an Spannung verloren. Die Lautstärke des Rufs macht klar, dass als nächstes eine Forderung kommt. „Ich will ein Eis!“ Versprochen, ist versprochen. Vorne am Sandweg steht wie seit Jahrzehenten der weiße Bulli mit italienischem Eis. Vorbei mit Lauschen. Aufstehen, auf zum Eiswagen. Bis bald, meine Bank des Vertrauens…

Von Uwe Graells
Chefredakteur und Geschäftsführer des Göttinger Tageblatts

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