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Milla wird von ihrem Ehemann misshandelt

Flucht ins Göttinger Frauenhaus Milla wird von ihrem Ehemann misshandelt

Das Frauenhaus ist ein anonymer Zufluchtsort für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, und ihre Kinder. Sie erhalten dort Unterstützung, Beratung und vorübergehend eine geschützte Unterkunft. Milla (Name geändert) wurde physisch und psychisch von ihrem Mann misshandelt und hat sich ins Göttinger Frauenhaus gerettet.

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Manchmal holt sie noch die Vergangenheit ein: Milla.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Millas Blick ist klar und aufgeräumt, mutig fordert sie, dass sich alle bedrohten Frauen Hilfe holen und keine Gewalt aushalten sollen. Doch die junge Frau ist nervös und angespannt, als sie ihre Geschichte erzählt. Ihr kleiner, roter Rucksack lehnt die ganze Zeit an ihrem Bein. Er ist das einzige, was aus  dem Leben, das sie hinter sich gelassen hat, übrig ist.

Zwei Jahre waren sie ein glückliches Paar, er war ihre große Liebe. Milla lebte in Osteuropa und beendete gerade ihr Studium, als sie den jungen Studenten aus Deutschland kennenlernte. Sie verbrachten viele romantische Wochen miteinander und vermissten sich sehr, wenn sie sich nicht sehen konnten. Sie wollten sich ein gemeinsames Leben aufbauen, sie heirateten und gingen nach Deutschland.

Die Misshandlungen setzten schleichend ein. Millas Mann kontrollierte sie zunehmend und erklärte ihr, wie abhängig sie von ihm sei. Dann schlug er sie das erste Mal ins Gesicht. „Er war schon immer sehr eifersüchtig“, versucht Milla zu erklären. Sie lernte schnell Deutsch und wollte studieren, doch ihr Mann tobte ob dieser Entscheidung. Er sperrte sie tagelang in der Wohnung ein oder beschattete sie, erinnert sich Milla. Er war inzwischen Doktorand und trieb seine Karriere voran, während er ihr Selbstbewusstsein systematisch zerstörte. Eines abends brachte er einen Freund mit nach Hause und die Gewalt eskalierte. Der Freund hielt Milla fest, während ihr Mann sie schwer misshandelte.

Milla spricht nicht mehr weiter, sie kann nur noch schluchzen, als sie dies erzählt. Sie braucht einige Zeit, um sich wieder zu fangen, will aber unbedingt weiterreden. „Ich will Frauen Mut machen“, sagt sie entschlossen. Und Milla erzählt, wie sie nach ihrem Rucksack griff, sich blutüberströmt aus der Wohnung rettete und Zuflucht im Göttinger Frauenhaus fand. Sie war so schwer verletzt, dass sie mehrere Tage nicht sprechen konnte.

Zwei Jahre lang hatte sie diese Tortur ausgehalten und sich niemandem anvertraut. „Ich hatte immer wieder die Hoffnung, dass er sich ändert“, erzählt sie. Vor allem ihrer Mutter wollte Milla den Schmerz ersparen.

Jetzt hat Milla eine eigene Wohnung, verdient ihren Lebensunterhalt. „Ich habe sogar einen Freund“, sagt die Endzwanzigerin und lächelt. Ihren Mann hat sie angezeigt und unter anderem ein Annäherungsverbot erwirkt. Er darf sich ihr weder nähern noch zu ihr in Kontakt treten. Der Weg ins Frauenhaus war der erste Schritt in ihr neues Leben. Doch Milla hat immer noch Angst, ihren Mann zu treffen. Sein Freund, der in besagter Nacht Mittäter war, hatte sie noch einmal versucht, anzugreifen. Milla konnte sich wehren und verständigte sofort die Polizei. An ihr Martyrium denkt sie inzwischen nicht mehr täglich. Ihren Mann hat sie nie wieder gesehen.

Von Kathrin Westphal

Die Mitarbeiter des Frauenhauses sind montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 19 Uhr, unter Telefon 05 51 / 5 21 18 00 erreichbar. Schutzsuchende können sich jedoch auch an die Polizei wenden oder beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Rufnummer 0 80 00 11 60 16 Rat einholen.

Zufluchtsort Frauenhaus

Göttingen. Die Flucht ins Frauenhaus ist für misshandelte oder bedrohte Frauen der erste rettende Schritt. Der Aufenthalt ist auf 16 Wochen begrenzt. In dieser Zeit organisieren die Frauen in einem sicheren Umfeld ihren Alltag neu und werden durch persönliche Betreuerinnen in allen Lebensbereichen unterstützt.

Susann Könecke ist seit mehreren Jahren Mitarbeiterin im Göttinger Frauenhaus. Sie hat Milla betreut, sie bei den vielen Ämtergängen unterstützt und ihr beratend zur Seite gestanden. Die Aufnahme ins Frauenhaus beginnt mit einer Sicherheitsanalyse, bei der überprüft wird, ob sich die Frau in Göttingen frei bewegen kann oder die Stadt wechseln sollte.

Wo das Haus steht, ist streng geheim. Es hat Platz für zehn Frauen. Jede bekommt ein eigenes Zimmer, Bad und Küche werden auf jedem Stockwerk geteilt. 60 Prozent der Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, haben Migrationshintergrund.

„Viele werden von ihren Männern konkret vom Deutschlernen abgehalten“, erzählt Susann Könecke. Die Frauen würden durch ihre Männern oft isoliert werden, um die Abhängigkeit zu verstärken. „Außerdem müssen sie drei Jahre verheiratet sein, um ein eigenständiges Aufenthaltsrecht zu bekommen“, erklärt Könecke, was die Männer zusätzlich ausnützten. Dabei gebe es, wie bei Milla, auch Härtefallregelungen, um eine Abschiebung zu verhindern.

Es gibt zwei große Gruppen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen: zum einen die jungen Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahre, zum anderen die 30- bis 40-jährigen, die oft mit ihren Kindern vor häuslicher Gewalt fliehen.

Nach dem Aufenthalt im Frauenhaus bleibt der Kontakt bestehen, und die Frauen werden bei Bedarf weiter unterstützt. Meistens bleiben auch die ehemaligen Bewohnerinnen in Verbindung und fühlen sich mit ihren ähnlichen Schicksalen oft stark miteinander verbunden.    kw

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