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Minderjährige Jugendliche auf der Flucht: Aktionstag am Göttinger Gänseliesel

Oberbürgermeister Köhler: "Wir müssen helfen" Minderjährige Jugendliche auf der Flucht: Aktionstag am Göttinger Gänseliesel

Bei einem Aktionstag vor dem Alten Rathaus in Göttingen haben sich am Sonnabend unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie präsentierten Musik und Tänze ihrer Heimatländer, zeigten eigene Gemälde oder Gedichte. Die Jugendhilfe Südniedersachsen betreut die jungen Flüchtlinge.

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Quelle: Heller

Göttingen. Göttingen. Bei einem Aktionstag vor dem Alten Rathaus in Göttingen haben sich am Sonnabend unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie präsentierten Musik und Tänze ihrer Heimatländer, zeigten eigene Gemälde oder Gedichte. Die Jugendhilfe Südniedersachsen betreut die jungen Flüchtlinge.

Sie kommen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, Irak, Somalia, Gambia oder Tschetschenien. Sie sind oder waren minderjährig als sie Deutschland erreichten. Ihre Familien haben sie verloren oder zurücklassen müssen. Derzeit betreut die Jugendhilfe Südniedersachsen rund 200 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge zwischen 11 und 18 Jahren. Viele von ihnen gehen bereits in die Regelschule, andere besuchen Sprachkurse. Die ersten von der Jugendhilfe betreuten jungen Flüchtlinge seien inzwischen in der Ausbildung, sagte Fachdienstleiter Christian Stoll.

Am Gänseliesel hatten die Flüchtlinge am Sonnabend ein Holzboot aufgebaut, nicht viel größer als die Boote, mit denen sich viele von ihnen auf dem Weg übers Mittelmeer gemacht haben. „Betreten auf eigene Gefahr“, stand als Warnung auf dem Göttinger Nachbau. „Wie könnte ich das vergessen? Und das ist nicht das Ende. Im Mittelmeer, mehr als Fische fischt man Menschen heraus“, hieß es daneben in einem Gedicht auf einer Stellwand. Viele Göttinger kamen mit den jungen Flüchtlingen ins Gespräch, informierten sich über ihre Situation oder tanzten zu somalischen und syrischen Klängen am Gänseliesel.

„Wie würde es ihren Kindern auf der Flucht gehen?“, fragte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) die mehreren Hundert Göttinger, die den Aktionstag besuchten. Die jungen Flüchtlinge seien mit der Hoffnung auf Sicherheit, Bildung und Verständnis aufgebrochen. „Wir müssen helfen“, appellierte er. „Helfen Sie mit, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Göttingen keine Chance hat.“ Es sei „unerträglich“, was zur Zeit in Teilen der Republik passiert, sagte Köhler angesichts von Brandanschlägen von Flüchtlingsunterkünften und Demonstrationen von Rassisten.

Kreisrat Marcel Riethig betonte, dass die Heimatvertriebenen ihr Land nicht freiwillig verließen. Hier in Deutschland wollten sie nun ihre „harte Vergangenheit, in einer bessere Zukunft verwandeln“. So wie die Flüchtlinge das moralische Recht hätten hier zu sein, „haben wir die „moralische Verpflichtung zur Hilfe“, sagte Riethig. Er kritisierte dass Europa ein Vielfaches dafür ausgebe seine Grenzen zu schützen, als für sichere Fluchtwege zu sorgen. Die „Festung Europa“ müsse in einen „Ort der Brüderlichkeit“ verwandelt werden.

Reshad (18), Afghanistan : "Ich möchte einmal Automechaniker werden", sagt Reshad. Auf der Berufsbildenden Schule III will er seinen Realschulabschluss. Seit zwei Jahren ist der 18-Jährige in Deutschland. In Sicherheit. Eine beschwerliche Flucht aus Afghanistan und ein Jahr in einem griechischen Gefängnis liegen hinter ihm. Wo seine Familie ist, weiß er nicht. In der Türkei habe er sie verloren. Chance sie zu finden hat er nicht. Sein Bruder sei bereits in Afghanistan entführt worden.

Kamal (18), Syrien:  Kamal ist allein aus Syrien geflohen. Vier Monate war er unterwegs - zu Fuß in die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland. Das war vor anderthalb Jahren. Der Militärdienst in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Land hätte auf ihn gewartet. "Ich wollte lieber zur Schule gehen", sagt er. Ingenieur will er werden. Hier in Deutschland hat er inzwischen den Hauptschulabschluss gemacht. Realschulabschluss, Abitur, Studium sollen folgen. Ob er zurück will nach Syrien? "Schwer vorstellbar bei der jetzigen Situation im Land."

Filmon (18), Eritrea:  "Nein", sagt Filmon. In sein Heimatland kann er nicht zurück. Er ist desertiert von dem meist lebenslänglichen, brutalen Militärdienst. An eine Ausbildung nach der Schule sei dort nicht zu denken. Sein Weg nach Deutschland führte ihn über den Sudan, Libyen, übers Mittelmeer nach Italien bis schließlich ins Aufnahmelager nach Friedland. Mit seiner Familie hat er weiterhin Kontakt. Große Baumaschinen zu bedienen, ist sein Traum. Eine entsprechende Ausbildung will er machen. Den Hauptschulabschluss dazu hat er schon in der Tasche.

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