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Mit 104 Jahren noch nicht erwachsen

Forst-Serie, Teil 7 Mit 104 Jahren noch nicht erwachsen

Im zarten Alter von 104 Jahren gehört die Realgemeinde Gieboldehausen noch zu den Jugendlichen, allenfalls Heranwachsenden. Auf Jahrhunderte alte Baumbestände kann Michael Döring, der Vorsitzende, nicht verweisen. Auch nicht auf prächtige Buchen wie die Realgemeinde Groß Lengden, die mit der Deppe-Buche Niedersachsens kräftigsten Buchenstamm besitzt. Dennoch ist der noch junge Wald der Gieboldehäuser einer, um den ihn viele Forst-Kollegen beneiden: ein einzigartiger Hutewald aus Kopfhainbuchen.

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Michael Döring inmitten des Kopfhainbuchen-Bestands.

Quelle: EF

Gieboldehausen. Unter den Waldbesitzern der Region, die teils seit tausend Jahren ihre Forsten bewirtschaften, sind die 224 Mitglieder der Realgemeinde, die 219 Anteile an 105 Hektar Wald gemeinsam ihr Eigen nennen, tatsächlich die Youngster. Und der Preis, den jeder Anteil, also jede so genannte „Gerechtsame“ kostet, sagt schon viel über den Wert des Waldes: nur 3000 Euro je Anteil. Da zahlt man in Nachbargemeinden mit uraltem Hochwald schon gern einmal das Zehnfache. Das Kapital, das die Gieboldehäuser in ihre Waldanteile stecken, wird nicht einmal richtig verzinst - nur theoretisch, fürs Finanzamt. Ausgeschüttet wird oft über Jahre nichts. Alles wird wieder in den weiteren Aufbau gesteckt, verrät Döring. Jedes Jahr werden 1,5 Hektar Land neu aufgeforstet, 5000 Pflanzen jährlich, darunter 26 verschiedene Baumarten. Viel Arbeit auch bei der Pflege. Fünf Männer, die „Rentnerband“, arbeiten bis zu 35 Wochenenden im Jahr im gemeinsamen Wald. Denn besonders das indische Springkraut macht dem jungen Wald zu schaffen. Es muss regelmäßig gerodet werden.

Viel Arbeit also, kaum Ertrag. Selbst das Brennholz muss jedes Mitglied selbst erwerben. Und doch ist die Realgemeinde ein Verein, zu dem auch Neubürger gern gehören. Die Idee, den Waldbesitz breit zu verteilen und durch gemeinsames Arbeiten im Wald zu stärken, kommt an. Pflanzaktionen für Kinder, die ihre eigenen Patenbäume setzen, sind beliebt. Sie schaffen Bindung zur Natur.

Viel Arbeit, kaum Ertrag

Dabei ist der Ursprung der Realgemeinde alles andere als Ausdruck von Naturverbundenheit. Es ging darum, möglichst lange auszunutzen, was nur machbar war. Denn in Gieboldehausen gab es lange viele landlose Dorfbewohner, die aber verbriefte Huterechte für ihr Vieh auf den gemeinsamen Flächen, der Allmende, hatten. Hartnäckig wurde dieses Recht verteidigt. Deshalb gehörte das Dorf 1901 zu einem der letzten in der Provinz Hannover, die aus der sogenannten Gemeinheitsteilung (Separation) in Genossenschaften überführt wurden. Damals war bereits damit begonnen worden, die Allmende möglichst doppelt zu nutzen: als Weide fürs Vieh und für die Brennholzgewinnung. Hainbuchen boten sich an. Unter den gut zwei Meter hohen Stämmen weideten Schafe, darüber wurden die Bäume regelmäßig geschnitten. Köpfe entstanden, die wieder austrieben und die alle 20 Jahre neu geerntet werden konnten. So entwickelte sich der Kopfbuchenwald am Tischengrund nahe der B 27 in Richtung Herzberg , durch den vom Grillplatz aus auch ein schöner Rundwanderweg führt. Noch heute widmen sich einige Familien, die eigene Techniken entwickelt haben, die Kopfbuchen zu schneiden, um die Pflege der knorrigen Bäume. Bis zu sechsmal können die Stämme „geköpft“ weden. Dann sind neue zu pflanzen.

Und noch eine - allerdings negative - Besonderheit zeichnet die Wälder der Realemeinde aus. Man wurde nach dem Krieg Opfer schlechter forstfachlicher Beratung. 1955 bis 1960 wurden 516 000 Kiefern- und Rotfichtensetzlinge für je drei oder vier Pfennig das Stück gepflanzt - auf viel zu fettem Boden. 90 Prozent der Waldfläche bestand nun aus Nadelholz, das schlecht gedieh. Heute hat die Realgemeinde Probleme, dieses Holz zu vermarkten. Es wird billig als Brennholz vergeben. Seit 1998 werden die Kiefernbestände mit standortgerechten Baumarten unterbaut. „Wir müssen den Wald praktisch ein zweites Mal pflanzen“, sagt Döring. Den 58-Jährigen verdriest das nicht. Wenn die Pfadfinder im Wald helfen, wenn die Erstklässler ihre Patenbäume pflanzen und mit ihren Namensschildern versehen, dann sieht Döring: Die Gieboldehäuser lieben ihren Wald. Auch wenn der noch halbstark ist.

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