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Mit Protest sich selbst überführt

Gericht hört missbräuchliche Notrufe ab Mit Protest sich selbst überführt

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, der Angeklagte hat ihn geliefert: Während das Landgericht die bei der Polizei eingegangenen missbräuchlichen Notrufe abhört, widerspricht der 53-Jährige laut und aggressiv. Er sei es nicht gewesen, protestiert er und lamentiert mit identischem Stimmklang und Tonfall wie das gerade Gehörte.

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Die Anklage geht von verminderter Schuldfähigkeit aus und hat das Ziel, den 53-Jährigen in der Psychiatrie unterzubringen.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Angeklagt ist der Mann, weil er massenhaft Notrufe missbraucht, Ladendiebstähle begangen, Beleidigungen gegen Kunden und Polizisten ausgesprochen und mit Bomben, Messer und erhobener Weinflache gedroht haben soll. Die Anklage geht von verminderter Schuldfähigkeit aus und hat das Ziel, den 53-Jährigen in der Psychiatrie unterzubringen. Angeklagt sind längst nicht alle Taten. Allein im September 2015 soll er 115 Mal den Notruf gewählt und teils mit der Vernichtung von Berlin oder Frankfurt gedroht haben. Als seine angekündigten atomaren Bombenangriffe nicht ernst genommen wurden, kündigte er stattdessen an, jetzt in die Stadt gehen zu wollen und "Frauen an den Arsch" zu fassen.

Polizisten berichteten als Zeugen, wie sie ihn mehrfach in seiner Wohnung am Rosenwinkel aufgesucht und Gefährderansprachen unternommen hatten. Die Telefonate habe er nicht abgestritten, aber gesagt, der Inhalt sei "frei erfunden". Weil er sich auch über "Asylanten" aufgeregt habe und in den Häusern viele Flüchtlinge wohnen, sei man der Sache nachgegangen. Nach einem der missbräuchlichen Notrufe, so ein Polizist als Zeuge, sei man nach dem Klingeln durch die Tür angepöbelt und beleidigt worden. "Daraus schlossen wir, das es ihm gut geht", sagt der Zeuge schmunzelnd.

Mehrfach sprechen am zweiten Verhandlungstag Polizisten über ihre Erfahrungen mit dem Anrufer, der sich mal als "militärischer Arzt von Deutschland" und mal als "Bundesadler" oder "Gott" ausgab. Als das Wort "geisteskrank" fällt, braust der Angeklagte auf: "Seien Sie mal vorsichtig mit geisteskrank, ich habe eine reine Weste. Das lasse ich mir nicht bieten." Einen anderen Zeugen nennt er "ein Schwein", weil der die vorläufige Unterbringung in der Psychiatrie veranlasst hatte. Der Kammervorsitzende August-Wilhelm Marahrens lässt den Angeklagten mit seinen Schimpftiraden lange gewähren, "aus bestimmten Gründen". Ein Psychiater beobachtet alles und zieht seine Schlüsse. Pflichtgemäß betont zwar noch der Verteidiger, dass nicht erwiesen sei, dass es wirklich der Angeklagte war, der da anrief. Doch das Gehörte spricht für sich.

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