Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Mit dem Sonderzug in ein neues Leben

Maria Wullschläger feiert 100. Geburtstag Mit dem Sonderzug in ein neues Leben

„Honig und Sport“, mehr braucht es nach Ansicht von Maria Wullschläger nicht, um 100 Jahre alt zu werden. Den Erfolg ihrer Rezeptur hat sie diesen Freitag unter Beweis gestellt und feiert ihren 100. Geburtstag. Die betagte Dame lebt im betreuten Wohnen in der Residenz am Hainberg.

Voriger Artikel
Blitzen für Daten
Nächster Artikel
Landschaftsfotos als Protest gegen Windräder
Quelle: HW

Göttingen. Das Sprechen fällt ihr allerdings nicht mehr leicht. Ihre Stimme ist vor allem Tochter Wiltrud Berger, mit der sie zusammen auf ein ereignisreiches Leben zurückblickt. Zweimal täglich trinken Mutter und Tochter zusammen Tee und tauschen Erinnerungen aus – an den Umzug der Mutter ins betreute Wohnen nach Göttingen, an Wiltruds Kindheit in Braunschweig und an ganz frühe Zeiten in Berlin-Pankow.

Dort lebte die heute 100-Jährige als Mädchen in einem großen Eckhaus mit drei Eingängen. „Im Haus hatten wir Mosaikpflaster“, berlinert Wullschläger. Im Garten, an der Südwand zum Nachbarhaus, wuchs Wein. Dort gab es auch Bienen: Obwohl das Mädchen Angst vor den Insekten hatte, liebte sie den Honig aus den hauseigenen Bienenstöcken.

Wullschläger, die damals noch Fetter hieß, lernte Englisch, Französisch und Spanisch und arbeitete nach dem Abitur im Jahr 1935 als Fremdsprachenkorrespondentin beim Reichsfinanzministerium. In dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann kennen und aus einer anfänglichen Brieffreundschaft wurde Liebe.

1944 heirateten die beiden in einem kleinen Ort an der Ostsee, an dem die gesamte Familie jeden Sommer verbrachte. Die standesamtliche Trauung war am 20. Juli 1944 in Berlin. An diesem geschichtsträchtigen Tag erschienen alle Gäste außer   Onkel Hermann. Hermann Schöne war Mitglied des Widerstands um General Stauffenberg.

Die Berliner Zeit endete abrupt mit Kriegsende: Wullschläger wurde am 7. April 1945 mit dem Sonderzug nach Garmisch-Partenkirchen evakuiert. Ihr Mann kam nach kurzer Kriegsgefangenschaft nach und die beiden ließen sich in Braunschweig nieder. Dort wurde auch Tochter Wiltrud geboren. Gemeinsam erinnern sich die beiden Frauen an die unzähligen Skatspiele der Familie: Die Karten kamen immer und überall auf den Tisch. Heute steht der Skattisch in Wullschlägers Wohnzimmer.

Maria Wullschläger fand an der Uni Braunschweig Arbeit als Sekretärin und ging dieser Beschäftigung noch mit 70 Jahren nach. Vor einigen Jahren holte sie ihre Tochter nach Göttingen, um sich besser um die Mutter kümmern zu können. Jetzt ist sie müde. Mittags rollt sie sich immer auf der Couch aus dem Herrenzimmer ihres Großvaters zusammen und schläft. Umgeben von unzähligen Fotos, die ihre Wände und Tische zieren und die sie an ihr Leben erinnern.

Von Katrin Westphal

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Weihnachtsbeleuchtung in Göttingen und Umgebung