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Mit der Aufsuchenden Jugendarbeit auf Streifzug durch Friedland

Streetworker und Spurenleser Mit der Aufsuchenden Jugendarbeit auf Streifzug durch Friedland

„Ich hasse den Begriff Berufsjugendlicher“, sagt Carsten Seydlowsky grinsend, während er das Auto durch den Regen steuert. Natürlich ist sein Beruf um einiges komplizierter. Seydlowsky und seine Kollegen bewegen sich bei ihrer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, zwischen sozialpädagogischer Theorie und gelebter Praxis.

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Streetworker Sonja Schrader und Carsten Seydlowsky auf Spurensuche.

Quelle: Rohde

Friedland. Und so überrascht es nicht, dass Seydlowsky das Jugendwort des Jahres, „Babo“ („Chef“), im gleichen Satz mit Wörtern wie „Sozialraumanalyse“ benutzt. Letzteres ist der Grund, warum er heute gemeinsam mit seiner Kollegin Sonja Schrader nach Friedland fährt. Der Anlass ihrer Fahrt stimmt nachdenklich.

Nach einem kurzen Marsch durch den Regen stehen die Mitarbeiter der Aufsuchenden Jugendarbeit des Landkreises vor der ersten Laterne – die erste von vielen an diesem Tag. Auf ihr klebt ein durchnässter Sticker, dessen Gestaltung auf den ersten Blick an die Antifaschistische Aktion (Antifa) erinnert. Er stammt aber nicht von ihr.

Sondern von der Internetplattform „Freies Netz Hessen“. Und deren Mitglieder sind wie viele rassistische Gruppierungen nicht mehr an ihren Stiefeln zu erkennen. Auf ihre subtilen Spuren wie Aufkleber sind Schrader und Seydlowsky spezialisiert.

„Die NPD ist doch für Jugendliche unattraktiv“

„Maria statt Scharia“ – ein NPD-Wahlspruch – ist nur ein Beispiel von dem, was an hunderten von Laternen zu lesen ist. Die meisten Aufkleber sind aber nicht parteigebunden, was sie gefährlich macht. „Die NPD ist doch für Jugendliche unattraktiv“, sagt Schrader. Gefährlicher seien Gruppierungen, die sich in Auftreten und Rhetorik der Jugendkultur immer weiter annähern.

Die Aufkleber würden zwar regelmäßig durch den Bauhof und Anwohner entfernt, nach wenigen Wochen aber wieder von Unbekannten ersetzt. „Diese Aufkleber fallen einem nicht einfach so in die Hände“, sagt Schrader. In der Sache führe eine Verbindung zum mehrfach vorbestraften Thorsten Heise.

Der in Göttingen geborene einschlägig vorbestrafte Mann ist Mitglied im Bundesvorstand der NPD und betreibt einen Onlineshop für Nazi-Merchandise. Öffentlich gibt es dort keine der Sticker zu bestellen, die in Friedland kleben – dafür aber unter anderem „Spielzeug für kleine Germanen“.

Das Team der Aufsuchenden Jugendarbeit ist natürlich besorgt. Darüber, dass rassistisches Gedankengut in organisierter Form in Friedland verbreitet wird. Und darüber, wer mit ihnen um die Geisteshaltung der Jugendlichen konkurriert.

„Aus welchem Mund kommt so etwas eigentlich?“

Als sie wieder im Auto sitzen, erzählen sie von anderen Herausforderungen ihres Alltags. Sie versuchen, Jugendliche mit ihrer Arbeit vor allem in Netzwerke zu integrieren, wenden sich daher vor allem an Cliquen und bieten beispielsweise Gruppenaktivitäten an. Dazu sind sie Ansprechpartner für viele Themen, darunter Alkohol- oder Drogenprobleme.

Wie der Name verrät, sitzen sie bei all dem nicht im Büro, sondern gehen aktiv auf Jugendliche zu. Das sei zunehmend schwieriger geworden, da sich ein Großteil des sozialen Lebens im Internet abspielt. Deshalb sind sie auch bei Facebook und Whatsapp unterwegs.

Auch sind sie regelmäßig in Schulen zu Gast – und zwar häufig dann, wenn Lehrer mit einer Klasse überfordert sind. An einer Schule bei Friedland haben Schrader und Seydlowsky neulich etwas Bizarres gehört: „Ein Jugendlicher hat sich beschwert, dass die Flüchtlinge im Auffanglager angeblich Gartenzwerge klauen“, sagt Seydlowsky und schüttelt den Kopf. „Aus welchem Mund kommt so etwas eigentlich?“

Nach der eigenen Meinung eines Siebtklässlers klingt das tatsächlich nicht. Vielleicht war der Satz ja auch auf einer Laterne zu lesen.

Von Jonas Rohde

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