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Mit der Kamera zurück in die Steinzeit

Dokumentarfilmer Manfred Krüger Mit der Kamera zurück in die Steinzeit

Tote, aufgebahrt in Bäumen. Menschen, die mit Steinäxten jagen. Blutegel, die vom Himmel fallen. Manfred Krüger hat all das erlebt. Einen Großteil seines Lebens bereiste er als Kameramann für das ehemalige Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen die Welt, besuchte die entlegensten Winkel der Erde, sah Menschen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

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Hochland in West-Neuguinea: Junge Eipo suchen in den riesigen Sümpfen nach kleinen Krebsen und werden dabei gefilmt.

Quelle: Simon

Sumatra, Borneo, Burkina Faso, Mexiko – die Liste an Ländern ließe sich beliebig fortführen. Doch im Gedächtnis geblieben ist ihm besonders seine erste Reise, die ihn 1976 zum Stamm der Eipo (Äipo gesprochen) führte – irgendwo im Regenwald West-Neuguineas.

Noch heute erscheint es Krüger manchmal wie ein Märchen, wie er damals für diese außergewöhnliche Expedition ausgesucht wurde. Eine Ausbildung zum Kameramann hat der gelernte Fernsehtechniker nie absolviert. Nur durch Zufall war er Jahre zuvor überhaupt auf die Idee gekommen, Filme zu drehen – im Urlaub. „Dann habe ich Blut geleckt und viel Zeit und Geld investiert“, erinnert er sich.

Irgendwann war er so gut, dass er Preise mit seinen Dokumentarfilmen gewann. Als Kameramann zu arbeiten, blieb aber weiterhin nur ein Traum. Erst als er beim IWF als Fernsehtechniker anfing, kam seine Karriere in Gang. Bald wurde er Kamera-Assistent, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Eines Tages stand Franz Simon, Ethnologe am IWF, aufgeregt in Krügers Büro. Mit ihm hatte er bereits mehrere Dokus gedreht, unter anderem über den Almabtrieb im Allgäu. Nun aber ging es um mehr, das spürte Krüger sofort. Simon berichtete von einer Expedition im Auftrag des Museums für Völkerkunde in Berlin. Das Ziel: die Eipo in West-Neuguinea, abgeschnitten von der Außenwelt, leben wie in der Steinzeit. Ein echtes Abenteuer. Und er wolle ihn, Krüger, mitnehmen. Der war stolz und aufgeregt zugleich: „Ich war ein Assistent ohne große Erfahrung – und dann so ein riesiges Forschungsprojekt.“

Krüger hält in seiner Erzählung inne und schüttelt den Kopf. So als könne er es immer noch nicht fassen, dieses Geschenk. Grau ist er geworden und älter, eine Brille baumelt an einem Band um seinen Hals, aber diesen Tag wird er wohl nie vergessen. Dann nimmt er einen kräftigen Schluck aus seiner Kaffeetasse, als müsse er seine raue Stimme ölen für das, was nun folgt.

Schon die Reise nach West-Neuguinea war ein Abenteuer. Über Singapur ging es nach Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, und weiter nach Jayapura an der Küste Neuguineas. „Von dort aus brachte uns eine Cessna ins Landesinnere“, erzählt Krüger. Nach der holprigen Landung auf einer gerodeten Fläche im Urwald mussten die Männer Ausrüstung und Gepäck zu Fuß in das kleine Dorf schleppen. Allein Krügers Kamera wog mit Film und Akkus 13 Kilogramm.

Wie im Paradies

„Die ersten Tage waren wie im Paradies“, erinnert sich Krüger. Alles war so neu, so ungewohnt, so interessant. Gearbeitet wurde wenig. „Wir mussten ja Vertrauen schaffen und uns kennen lernen, also haben wir mit den Männern erst mal einen getrunken.“ Sie tauschten Geschenke aus, erklärten mit Händen und Füßen ihr Vorhaben, lernten erste Wörter und Regeln.

Untergebracht waren Krüger und seine Kollegen wie die Eipo in Hütten aus Baumstämmen und Blättern. Mit Nahrung wurden sie von den Dorfbewohnern versorgt. Es gab vor allem Süßkartoffeln und andere Gemüse wie Kürbis oder Taro, dazu Schweinefleisch. Alles ohne viel Geschmack, denn Salz gab es nicht. Getrunken wurde vornehmlich Regenwasser. „Das schmeckte so gräuslich, wir haben dann Brühwürfel reingetan“, sagt Krüger.

Salz war nicht das einzige, was fehlte. Im Gegensatz zu Metall kannten es die Eipo aber. Ein Messer oder eine Dose hatten die Menschen, die im Schnitt eineinhalb Meter groß werden, dagegen noch nie gesehen. Sie benutzten Steinäxte zur Jagd. Wahrscheinlich, mutmaßt Krüger, sei ihr Auftauchen für die Eipo in etwa so gewesen, als würden hierzulande Außerirdische landen.

Das führte bisweilen zu Problemen. Als große Weiße waren sie plötzlich die Exoten. Besonders von den Frauen wurden sie neugierig gemustert, was deren Männer wiederum nicht so gerne sahen. Ohnehin konnten diese nicht verstehen, dass die Besucher ohne weibliche Begleitung angereist waren. „Das war für sie ein Unding“, sagt Krüger.

Und dann war da noch die Sache mit den Lebensmittelbüchsen, die das Team bei sich führte. „Die Eipo waren hinter den Deckeln her“, erinnert sich Krüger. Begehrte Schmuckstücke . „Irgendwann habe ich laufend Leute gefilmt, die Deckel mit der Aufschrift ‚Unox feine Leberwurst‘ um den Hals hängen hatten.“ Von da an verzichteten sie auf Dosenessen.

Die Kamera indes war für die Dorfbewohner kein Problem. Selbst die Bestattung der Toten durfte Krüger filmen. Sie wurden in den Kronen entlaubter Bäume platziert. Mit Blättern und Rinden umwickelt, entstand so eine Mumie, die später beigesetzt wurde. Nur das Frauenhaus war tabu. Hierhin zogen sich die Frauen zurück, wenn sie ihre Periode hatten oder ein Kind gebaren.

Doch trotz aller Rücksichtnahme: Wir haben in ihre Kultur eingegriffen“, sagt Krüger und nippt abwesend an seinem Kaffee. Sie hätten ja nicht nur sich in dieses Dorf gebracht, sondern auch Geschenke wie Messer und Äxte. „Damit haben wir auch für Unfrieden gesorgt.“ Das sei ihm aber erst später aufgegangen. Heute verbinde er viele „Aha-Effekte“ mit seiner ersten Expedition, die ihn so grundlegend verändert habe, dass er nach der Rente nach Indonesien auswandern wollte. „Ich mag einfach die asiatische Denkweise“, sagt er.

Das Abenteuer war schließlich nach vier Monaten zu Ende. „Wir haben den Eipo gedankt und uns verabschiedet“, erzählt Krüger. Eine Cessna brachte ihn nach Jayapura, und bald war er wieder zu Hause bei seiner Frau in Obernjesa, die gewartet und gebangt hatte. Nun schloss sie ihn glücklich in die Arme. Heute sagt er über sie, so eine müsse man erst einmal haben – und behalten.
Zwei Wochen später zerstörte ein schweres Erdbeben das gesamte Dorf im Urwald West-Neuguineas. Die Eipo aber leben dort noch heute.

Andreas Fuhrmann

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