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Mordkomplott und Bestechungssumpf

Amtsgericht Göttingen Mordkomplott und Bestechungssumpf

Der Hauptzeuge weiß zu viel. Drei Mordanschläge hat er schon überlebt. Ein anderer wurde erschossen, hingestellt als Selbstmord. Göttingen 05 und SC Weende sind ein Hort der Korruption, das Klinikum ein Bestechungssumpf. Seit 20 Jahren beschäftigt diese Verschwörungstheorie die Behörden - und nichts ist dran.

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Quelle: dpa

Göttingen. Alles fing an am 25. April 1996 mit einem Autounfall auf der A7. Ein Göttinger Geschäftsmann kam zu Schaden. Er ist bis heute überzeugt, dass es ein Mordanschlag war. Er wisse zu viel, sagt er. Erst spät hat er den Anschlag angezeigt. Die Polizei aber fand keine Hinweise auf Fremdverschulden.

Weitere Anschläge folgten: Die Wirtin eines griechischen Restaurants soll versucht haben, ihn zu vergiften. Der Wirt eines Weender Lokals habe ihm Unkraut-Ex ins Getränk getan. Erst 2009 wurden auch diese vermeintlichen Verbrechen angezeigt. Damals erhielt die Staatsanwaltschaft ein anonymes Schreiben mit dem Titel „Gänseliesel im Glashaus“, in dem Verbrechen seit 1994 „im Dunstkreis von Göttingen 05“, drei Mordanschläge gegen Bernd B. (Name geändert) sowie ein ganz frischer Mord angezeigt wurden. Gerade hatte sich der Gastronom und Inhaber eines Sicherheitsunternehmens, Lutz K., das Leben genommen. Der anonyme Schreiber behauptete, das war Mord.

Suizid angekündigt

Allerdings: K. hatte seinen Suizid angekündigt. Die großkalibrige Waffe, mit der er sich im Bett erschoss, trug seine Fingerabdrücke, seine Hände wiesen Schmauchspuren auf. Einzig, dass aus seiner Wohnung Alarm in seinem Sicherheitsunternehmen ausgelöst wurde, war nicht erklärbar.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. Auch Hinweise, dass es in den beiden Sportvereinen unsaubere Geschäfte gegeben habe, dass auf der Isle of Man Milliarden Mark versteckt würden und dass am Uni-Klinikum Bestechungsgeld für lukrative Beschaffungsaufträge geflossen seien, ließen sich allesamt nicht erhärten.

2010 dann ein weiteres Schreiben an das „Mordkommissariat“. Wieder wurden die Mordanschläge geschildert; erneut ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft. Auch Bernd B. wurde vernommen. Er habe „Dinge vorgetragen, die den Schluss zulassen, Verfasser der anonymen Schreiben zu sein“, heißt es in der Akte. Am 17. März 2011 wurde auch das zweite Verfahren eingestellt. Es folgte 2013 ein drittes, diesmal ausgelöst von Bundes- und Landeskriminalamt. Auch dort anonyme Schreiben. Als Zeugen wurde der gesamte 05-Vorstand der späten 90er vernommen. Transaktionen im Milliardenbereich seien auf geheime Konten geflossen. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt.

Verschwörungstheorien beschäftigen Behörden

Verfahren vier ging im Juni 2014 bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig ein. Durchschlag an das BKA. Wieder wurden die Akten zum Selbstmord beigezogen: kein Fremdverschulden, Verfahren eingestellt. „So kann man mit Verschwörungstheorien die Behörden beschäftigen“, sagt Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue. Aber es gehe ja schließlich um Mord, da könne man die Akten nicht gleich zuklapppen. Die liegen vor ihm: vier Ordner mit kruden Verdachtsäußerungen aus 20 Jahren.

Jüngste Entwicklung: Anonym wird dem Tageblatt der „Mord“ an Lutz K. geschildert. Parallel geht ein Schreiben bei der Chefredaktion ein, in dem Zeugen der Mordanschläge genannt werden. Befragt man die Genannten, kennen die B. teils gar nicht. Der war einst einzig im 05-Förderverein engagiert. B. selbst bestreitet, jemals anonyme Anzeigen oder Schreiben verfasst zu haben, gibt inhaltlich aber detailliert alle Vorwürfe wider und behauptet, auf 35 Seiten alles dokumentiert zu haben. Befragt nach Zusammenhängen, antwortet er auf jede Frage mit einem anderen prominenten Namen: „Da müssen Sie … fragen.“ Der Mann, der so gefährlich lebt, weil er zu viel weiß, so das Fazit, weiß in Wirklichkeit gar nichts.

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016