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Morgens im Stall, abends am Tresen

200 Jahre Gasthaus Schrader in Obernjesa Morgens im Stall, abends am Tresen

Erst als sein Vater starb, machte Hermann Behrens eine Pause. Fünf Tage lang stand der Zapfhahn still. Kein Bier, kein Schnaps, kein Stammtisch, nichts. Vollkommene Stille, wo sonst Skat gekloppt und markige Sprüche geklopft werden.

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Da will er nicht weg: Wirt Hermann Behrens an der urigen Zapfanlage im Gasthaus Schrader.

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Er hätte aufhören können damals, jeder hätte es verstanden. „Aber dann fehlte mir was“, erinnert er sich. Also öffnete Behrens am sechsten Tag wieder die Tür zur alten Stube im Gasthaus Schrader in Obernjesa, ließ den Mief raus und die Gäste rein und zauberte eine weiße Krone auf jedes Pils.

Das ist knapp 20 Jahre her, doch Behrens erinnert sich noch gut an diese Zeit. An die Zeit, in der in ihm die Erkenntnis wuchs, dass er das Gasthaus niemals schließen würde, niemals. „Ich könnte das einfach nicht“, sagt er und zuckt mit den Achseln.

Hermann Behrens ist 62 Jahre alt und kein Freund vieler Worte. Ein freundlicher Herr mit kurzen, grauen Haaren, einer Brille und Schwielen an den Händen. Er sitzt an einem der vier Tische in seiner Gaststube und schaut aus dem Fenster. Es dämmert bereits. Der Holzofen knistert. Im Aschenbecher qualmt seine Zigarette vor sich hin. „Es kommt nicht jeden Abend jemand. Ganz verschieden ist das“, sagt er, ohne seinen Blick abzuwenden von der leeren Straße vor der Wirtschaft. „Wenn nichts ist, mache ich eben um neun zu, was soll‘s denn“, winkt er nach einigen Minuten der Stille ab.

Heute wird er erst gegen Mitternacht schließen. Es ist Donnerstag. Stammtischzeit.

„Hermann, machste mal ne Runde.“ Eine halbe Stunde später sitzen sechs Männer am großen Tisch in der Mitte des Raumes. Behrens geht hinter den Tresen, über dem ein großes Leuchtschild mit der Aufschrift „Gilde Ratskeller“ baumelt. Der schwere Dielenboden knarrt. Seit fünf Jahren treffen sich die Männer hier jede Woche, einfach so, trinken Bier, unterhalten sich. „Hier ist wenigstens noch was, wo wir hingehen können“, sagt Horst Gröling, der aus Ballenhausen kommt und dessen Schwager in Obernjesa wohnt.

Am liebsten reden sie über Fußball. „Ich bin Bayern-Fan und habe einen besonders schweren Stand“, versucht Dieter Hintze gerade seinen Standpunkt zu erläutern und löst damit prompt eine Diskussion aus. Ribery und der Sexskandal, Magath und Schalke 04, Bayern und seine Holländer. „Die reißen sich alle den Arsch auf, und dann geht es“, ruft einer. „Aber mal ehrlich, das Ding von Robben war doch glücklich, oder?“ „Glück hat nur der Tüchtige“, entgegnet Hintze. Zum Glück gibt es kein Phrasenschwein.
Hermann Behrens hat die ganze Zeit kein Wort gesagt. Jetzt nähert er sich mit einem vollen Tablett der Runde, stellt lautlos Bier, Radler und Wasser auf den Tisch und malt Striche und Kreuze auf die Bierdeckel, die vor den Gästen auf dem Tisch liegen. Ein Kreuz steht für ein 0,3, zwei für ein Weizen, ein Strich für ein Wasser oder einen Schnaps. „Danke Hermann“, sagt einer. Dann setzt sich der 62-Jährige wieder an den anderen Tisch. „Ich rede nicht viel dazwischen. Ich bin lieber ruhig und höre mir an, was die da erzählen“, sagt er. Dann deutet er auf die vielen Bilder und Fotos an den Wänden. Familie, Freunde. Ein Zeitungsbericht über den umgestürzten Hühnerstall seines Vaters. Zeugnisse längst vergangener Zeiten. „Es hat sich viel verändert, nur die Kneipe nicht“, sagt er und wischt den Staub von einem der Bilderrahmen.

Hermann Behrens ist eigentlich Landwirt. Sechs Kühe hat er, zwei Schweine, zusätzlich betreibt er ein wenig Ackerbau. Gerste, Weizen, Runkeln, Kartoffeln pflanzt er an, und aus dem Gras auf den Wiesen macht er Heu. Jeden Morgen um sieben beginnt sein Tag. Früher, als sein Vater noch lebte, wechselten sie sich oft ab. Eine Woche Stall, eine Woche Theke. Heute macht der 62-Jährige alles selbst. Die Gaststätte betreibt er nebenbei, so wie es seine Eltern und deren Eltern auch schon taten.Von ihr allein könnte er nicht leben. „Ich bin stolz drauf, dass die Kneipe immer in Familienbesitz war“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. „Meine Tochter Eileen wird vielleicht auch mal eine gute Wirtin.“

Manchmal hilft die Kleine heute schon mit, wenn sich Gesellschaften zum Feiern oder nach einer Beerdigung angekündigt haben. „Es ist aber schon lange keiner mehr gestorben“, sagt Behrens. Ansonsten kümmert sich Eileen mit ihrer Mutter um die Deko in der Gaststube. Bunte Platzdeckchen liegen auf jedem Tisch, frische, rote Blumen leuchten in cremefarbenen Töpfen. Daneben ist jeweils ein kleines blaues Köfferchen mit silbernem Griff platziert. „Happy“, glücklich, steht auf der einen Seite geschrieben. „Die Ader hat sie von ihrer Mutter“, sagt Behrens. „Das macht die hundertprozentig.“

Die nächste Runde steht an. Wieder füllt der 62-Jährige ein Tablett, wieder mit den gleichen Getränken. „Haben Sie schon einen gesehen, den ich gefragt habe, was er trinken will. Ne“, sagt er, während er ein leeres Glas unter den zischenden Zapfhahn hält. „Das weiß ich eben. Und wenn die was anderes haben wollen, dann melden die sich schon.“ Derweil verglüht seine Zigarette im Aschenbecher. „Der Schweini war doch wohl saustark“, tönt es vom Stammtisch herüber.

Ein Glöckchen bimmelt, als die Tür zur Gaststube aufschwingt und fünf weitere Männer unter großem Hallo die Gaststube betreten. Dartspieler. Auch sie kommen einmal pro Woche vorbei. In einem Hinterraum hat Behrens für sie bereits alles hergerichtet. Zuerst aber gibt es natürlich was zu Trinken. Der Wirt zapft ein paar Weizen. „Und eine Müllermilch“, ruft einer der Dart-Freunde. „Ein doppelter Cola-Rum“, erklärt Behrens lächelnd. „Jetzt aber rüber, schmeißt eure Pfeile“, ruft Hintze, und von einem „Gut Wurf“ begleitet ziehen die Dartspieler in den Nebenraum um.

Früher war das Gasthaus Schrader auch noch tagsüber geöffnet. Dann kamen Arbeiter aus der Gegend zum Frühstück, Pendler von der nahe gelegene Eisenbahn kehrten ein. Behrens’ Mutter kochte Kaffee, und sonntags verkaufte sein Vater Eis. Heute beschränken sich die Öffnungszeiten auf den Abend, dienstags ist Ruhetag, und nur an Sonntagen ist auch morgens etwas los. „Das sind aber alles Ältere“, sagt Behrens. „Wenn die sterben, ist das auch vorbei.“ Dennoch will der 62-Jährige weitermachen, so lange er gesund bleibt. Viel Arbeit sei das schon, gibt er zu, aber er mache das gerne. „So habe ich auch Leute um mich rum. Da ist Leben in der Bude.“

„Hermann, machst du mal bitte Fußball an“, ruft einer der Stammtischbrüder. Behrens geht zum Fernseher im hinteren Teil der Stube und schaltet die alte Flimmerkiste ein. Im Regal daneben stehen goldene und silberne Pokale. „Ich schaue mir das schon mit an“, sagt er. „Aber mir ist das eigentlich egal. Die verdienen so viel Geld.“ Außerdem habe er eigentlich gar keine Ahnung von Fußball. „Sollen die ruhig schimpfen. Ich halte den Mund“, meint er und macht noch eine Runde Schnäpse fertig. Aber vorher nimmt er einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Cola. Alkohol trinkt er bei der Arbeit nie. Gelegentlich mal ein Bier. Das war’s. „Manch ein Wirt ist sein bester Gast, aber das brauche ich nicht“, erklärt er.

Dafür sammelt Behrens die Deckel der kleinen Underberg-Fläschchen, um dafür Prämien einzuheimsen. 288 Kapseln musste er zum Beispiel jüngst für ein Kräutermobil plus Anhänger und Namensgravur auf den Tisch legen. Jetzt sammelt er für Teller. Langsam wiegt er die Box mit den Deckeln in seinen Händen. „Ich weiß nicht, wie viele ich jetzt habe, aber 800 auf jeden Fall.“
Aus dem Nebenraum ertönt plötzlich ein lautes Klirren. Sekunden später steckt einer der Dartspieler seinen Kopf zur Tür herein. „Du Hermann. Uns ist da ein kleines Malheur passiert. Uns ist ne Scheibe kaputt gegangen. Kannst du mal Kehrblech und Handfeger holen, wenn du Zeit hast?“ Behrens hat Zeit und kehrt die Scherben auf.

Auf dem Rückweg bringt er ein dickes, vergilbtes Buch mit und hievt es auf den Tisch. Es enthält, fein säuberlich mit Feder eingetragen, unzählige Daten, Namen und Zahlen. Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1901 und muss noch von seinem Urgroßvater August Schrader stammen. Alles Daten von Gästen, die hätten anschreiben lassen müssen, erklärt Behrens und blättert hastig weiter. „Hier ist eine Bestellung“, sagt er und liest vor: „Zwei Obstler, ein Bier, ein Underberg und ne Jacke – das war ein Cognac“, fügt er lachend hinzu. Weiter geht es mit einer goldenen Konfirmation im Jahr 1967, einer Treibjagd 1975 und einem Grenzgang 1990.

Hermann Behrens ist plötzlich ganz aufgeregt und kramt eine alte Seite aus dem Göttinger Tageblatt hervor. Dort steht geschrieben: „Jetzt ist es wiederum ein Schwiegersohn, Gustav Behrens, der für das Wohl der Gäste sorgt. Und der kleine Hermann, der jetzt noch die Schulbank drückt, wird in einigen Jahren bestimmt einmal einen prächtigen Wirt abgeben.“ Das war im Jahr 1960. Damals feierte das Gasthaus Schrader sein 150-jähriges Bestehen. Hermann Behrens war gerade zwölf Jahre alt geworden. Seine Tochter Eileen ist jetzt zehn.

  Zur Geschichte
  Johann Heinrich Grotjahn bewirtete 1810 im Gebäude, das heute Gasthaus Schrader heißt, erstmals Gäste. Seitdem ist die Gaststätte immer in Familienbesitz geblieben. Als der Gründer im Alter von 91 Jahren starb, führte sein Schwiegersohn, Heinrich Füllgrabe, das Haus weiter. Dessen Tochter heiratete August Schrader, der von 1875 bis 1925 hinter dem Schanktisch stand, bis ihn sein Sohn ablöste. Auf diesen folgte dessen Schwiegersohn Gustav Behrens, der Vater von Hermann. Telefon: 0 55 09 / 18 32.
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Von Redakteur Andreas Fuhrmann

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