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Demonstrationen in Göttingen beendet

Liveticker Demonstrationen in Göttingen beendet

Etwa 900 Demonstranten aus allen gesellschaftlichen Lagern haben am Sonnabend eine geplante Versammlung von rund 90 NPD-Mitgliedern in Göttingen weitgehend verhindert. Die vom „Göttinger Bündnis gegen Rechts“ organisierte Kundgebung und ein vorheriger Demozug verliefen friedlich.

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Quelle: CH

Göttingen. Parallel blockierten Linksautonome Bahngleise und errichteten Straßenbarrikaden. Etwa 20 Demonstranten wurden von der Polizei namentlich erfasst oder kurzfristig festgenommen. Sie hatten im Bereich des Güterbahnhofes versucht, Gleise zu besetzt, um Züge anreisender Rechter zu blockieren. Am späten Nachmittag gab es noch einmal eine Auseinandersetzung mit tätlichen Angriffen am Bahnhof, als Autonome zu den Rechten vordringen wollten. Letztgenannte wollten in einen anderen Zug umsteigen. Sie hatten nach ihrer Kundgebung in Göttingen einen Abstecher nach Northeim gemacht. Ihr Umzug blieb, von einem kurzen Gerangel mit wenigen Gegendemonstranten abgesehen, weitgehend unbeachtet. In Friedland wurde ein Auto in Brand gesteckt – offenbar im Zusammenhang mit der NPD-Kundgebung. Nach Polizeiangaben waren mehr als 1.000 Beamte aus mehreren Bundesländern im Einsatz. 

Gesperrte Straßen und Verkehrschaos, viele Polizisten im Einsatz, brennende Mülltonnen und ein über der Stadt kreisender Polizeihubschrauber erweckten am Sonnabend zeitweise ein Chaos-Szenario. Unterm Strich aber zogen alle offiziell Verantwortlichen ein positives Resümee, die erklärte Taktik der Partner im „Göttinger Bündnis gegen Rechts“ und der Polizei war aufgegangen:

  • Ein breit aufgestelltes Bündnis mit Vertretern aus allen demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und vielen Bürgergruppen hat mit einem lauten, bunten und friedlichen Protest eine Großveranstaltung der Rechten verhindert. Nur etwa eineinhalb Stunden standen Mitglieder der NPD und des rechtsextremen „Freundeskreises Thüringen/Northeim“ (FkTN) am Bahnhofseingang – ungehört von den Umstehenden. 
  • Die Polizei setzte den Tag über auf eine transparente Einsatzstrategie, schirmte Rechte und Gegendemonstranten räumlich voneinander ab, bemühte sich aber, möglichst nicht durch ein martialisches Auftreten zu provozieren. Auf „unerfreuliche Szenarien einzelner Linksextremer“ war sie „vorbereitet“.
  • Gewaltbereite Linksautonome agierten vor allem an anderen Standorten, um eine NPD-Versammlung zu verhindern – weit entfernt von der Bündnis-Demo. 

„Ich bin hochzufrieden“, bilanzierte abschließend der DGB-Geschäftsführer in Südniedersachsen und Sprecher des Bündnissen, Lothar Hanisch: „mit der großen Beteiligung, der Demo selbst und mit der tollen Stimmung dabei“. Auch ein Sprecher der Antifaschistischen Linken international (ALI) äußerte sich „sehr zufrieden“, dass zumindest ein Marsch der Rechten durch Göttingen verhindert werde konnten. Die Stadt Göttingen hatte einen geplante Demonstrationszug der Rechten mit Blick auf die starke Gegenbewegung aus Sicherheitsgründen verboten. Das vom FkTH angerufene Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht bestätigte die Entscheidung, ließ aber eine Kundgebung am Bahnhof zu. Die brachten dem Hilfsprojekt „Sea Watch“ am Ende 6500 Euro ein. Unter dem Motto „Rechts gegen Rechts“ hatte das Bündnis zu Spenden an „Sea Watch“ aufgerufen – mit Geldbeträgen für jede Minute, die Rechte in Göttingen auftreten. 

So liefen die Demonstrationen ab

Eine Kurz-Chronolgie der Ereignisse rund um die NPD-Kundgebung am Sonnabend:

  • Gegen 9.30 Uhr ziehen etwa 500 Göttinger - darunter ein großer Antifa-Jugend-Block – vom Platz der Synagoge über die Bahnhofsallee zum Bahnhof und rufen weitere Göttinger zur Teilnahme auf.
  • Um 10.30 Uhr beginnt vor dem Bahnhof die Bündnis-Kundgebung gegen den Nazi-Aufmarsch. Redner erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus, an Kämpfe zwischen Neonazis und Linken in den 1980er-Jahren in Göttingen und warnen vor einer neu aufkommenden antisemitischen und antidemokratischen Bewegung durch NPD, FkTN, Pegida und AfD.
  • Gegen 10.30 Uhr versuchen Linksautonome im Bereich Güterbahnhof die Gleise zu besetzen. Sie werden von einem Polizeiaufgebot abgedrängt, etwa 19 werden vorübergehend festgenommen, neun werden kurzzeitig zur Polizeiwache gebracht.
  • Gegen 11 Uhr kommen Anhänger von NPD und FkTN an, etwa 90 sind es schließlich. Ihre Redebeiträge sind nicht zu hören. Auf der anderen Seite eines von der Polizei abgeriegelten freien Platzes skandieren die Gegner „Haut ab!“ und machen viel Lärm. In der Zwischenzeit setzen Autonome unter anderem im Kreuzbergring, in der Humboldtallee und am Campus Sperrmüll-Barrikaden und Mülltonnen in Brand.
  • Gegen 12.30 Uhr rücken die NPD-Anhänger unter lautem Beifall wieder ab. Sie fahren mit dem Zug nach Northeim.
  • Gegen 13 Uhr demonstrieren etwa 80 überwiegend Linksautonome vor der Polizei in der Groner Landstraße und fordern die Freilassung Festgenommener – die sind allerdings schon längst auf freiem Fuß.
  • Ab 13 Uhr ziehen etwa 80 Neonazis um die Northeimer Innenstadt. Sie werden auch während ihrer Kundgebung am Münster kaum beachtet. Die Polizei hält die Rechten und etwa 20 Gegendemonstranten auf Abstand. Als sie die Rechten gegen 15 Uhr zum Bahnhof geleitet, gibt es ein kurzes Gerangel, mindestens ein Mitglied der rechten Szene wird durch Reizgas verletzt. Gegen 15.30 Uhr verlassen die Rechten Northeim mit dem Zug.
  • Gegen 13.30 brennt am Friedländer Bahnhof ein 3er BMW aus dem Eichsfeldkreis. Die Polizei sieht ihn in einem Zusammenhang mit NPD-Mitgliedern. 45 versammeln sich dort gegen 16.30 Uhr zu einer Spontan-Demo und fahren dann mit einem Zug weiter.
  • Gegen 16.15 Uhr versuchen Linksautonome zu Rechten vorzudringen, die im Göttinger Bahnhof auf Anschlusszüge warten. Es gibt tätliche Auseinandersetzungen von Rechten und Linken mit der Polizei. Ein Beamter wird nach Polizeiangaben durch einen Stuhl am Kopf verletzt – geworfen aus der Gruppe der Rechten. 

us/bib

Hier können Sie die Ereignisse noch einmal im Video und im Liveticker nachlesen:

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