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Verurteilter will sich "Quatsch" nicht anhören

Psychisch Kranker muss dauerhaft in die Psychiatrie Verurteilter will sich "Quatsch" nicht anhören

21 Strafverfahren in 23 Jahren sind folgenlos geblieben: Der Täter war stets nicht schuldfähig. Jetzt ist der 53-Jährige erstmals im Gericht psychiatrisch begutachtet worden. Die Folge: Der Mann, der vielfach den Notruf missbraucht hat, der stahl, mit dem Messer fuchtelte und ständig drohte, muss dauerhaft in die Psychiatrie.

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Der Angeklagte missbrauchte vielfach den Notruf der Polizei.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Für den erfahrensten aller Göttinger Strafrichter, August-Wilhelm Marahrens (66), war es ein furioses Finale einer ereignisreichen Richterkarriere. Ausgerechnet den letzten seiner Angeklagten musste der Kammervorsitzende über lange Zeit gewähren lassen, um dem psychiatrischen Sachverständigen die Gelegenheit zu bieten, die Pöbeleien und aggressiven Reaktionen live zu erleben. An mehreren Prozesstagen widersprach der Angeklagte den Zeugen, beschimpft am Ende gar den Gutachter mit den Worten:

"Sie erzählen doch Unsinn!" Erst dann ist es genug: Das Gericht schließt den vielfach ermahnten und ohne beruhigende Wirkung in Handfesseln gelegten Angeklagten am Ende ganz von der Verhandlung aus. Selbst die Urteilsverkündung gelingt nicht ohne Pöbeleien. "Ich will mir den Quatsch nicht anhören!", schimpft er, bezeichnet "das deutsche Gericht" als "ungerechte Schweine" und droht im Rausgehen noch mit "wir sehen uns irgendwann noch mal".

Gerade hatte ihn die große Strafkammer zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt und nach Paragraf 63 im Maßregelvollzug untergebracht. Ihm waren sechs Straftaten, darunter Missbrauch des Notrufs, Diebstahl mit Waffen, Bedrohung, Beleidigung und Hausfriedensbruch, angelastet worden. Sie alle habe er - anders als bei früheren Taten von den Staatsanwälten angenommen - mit einem Rest an Steuerungsfährigkeit begangen, hatte der psychiatrische Gutachter ausgesagt.

Prof. Jürgen Müller hat eine schizo-affektive Psychose bei dem 53-Jährigen diagnostiziert, eine krankhafte seelische Störung. Er sei leicht reizbar und ragierte "überschießend verbal-aggressiv". Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass er seine Drohungen auch in die Tat umsetzt. Er sei "extrem impulsiv, aber niemals übergriffig". Auch in der Vergangenheit sei er trotz seiner unzähligen Pöbeleien und aggressiven Äußerungen nie selbst tätlich geworden.

Allerdings habe er wiederholt Messer eingesetzt bei seinen Drohungen, und das sei "mit Sicherheit wieder zu erwarten". Wenn dann nicht besonnen oder professionell reagiert werde, könne das zur Gefahr für die Allgemeinheit werden. Ob eine Besserung der fortwährenden Pöbeleien im Falle einer Medikamentenbehandlung erwartet werden könnte, wollten die Richter wissen. Er wird schon mit Medikamenten behandelt, antwortete Müller. Besseres, als das, was bei Gericht zu erleben war, sei auch künftig nicht zu erwarten.

Nach dem Urteil begründet Marahrens die Unterbringung. Eine gewisse Anzahl Verrückter müsse die Allgemeinheit im Stadtbild ertragen, nicht aber einen, der gefährlich werden könne. Das sei bei dem Angeklagten der Fall, selbst wenn es bisher nur "Straftaten mittlerer Qualität" seien. Den Schluss hört der Angeklagte nicht mehr. Wegen weiterer Pöbeleien wird er von der Urteilsbegründung ausgeschlossen. Draussen auf dem Gerichtsflur beschimpft der gerade in die Psychiatrie Eingeweiesene nun hilfsweise im Weggehen noch den Gerichtsreporter als "Wahnsinnigen".

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