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Nach Missbrauchsskandal zurückgetretener Pater wird Leiter der Jesuiten

Vom Aloisiuskolleg nach Göttingen Nach Missbrauchsskandal zurückgetretener Pater wird Leiter der Jesuiten

Es ist eine bemerkenswerte Personalie, bemerkenswert wegen des Themas, mit dem sie verknüpft ist. Pater Theo Schneider, ehemaliger Leiter des Aloisiuskollegs in Bad Godesberg, wechselt nach Göttingen, um dort nach dem Weggang von Benedikt Lautenbacher ab September als neuer Superior der Jesuitenkommunität zu wirken.

Schneider war im vergangenen Jahr als Rektor zurückgetreten, um eine lückenlose Aufklärung der auch gegen das Kolleg gerichteten Missbrauchsvorwürfe zu ermöglichen. Er hatte in dem Kolleg seit 1984 als Internatsleiter und seit 2007 als Rektor gewirkt.

In einem Abschlussbericht zu den Vorwürfen ist von 123 Personen die Rede, die Übergriffe in dem Kolleg seit den fünfziger Jahren gemeldet haben. Dabei geht es um ein breites Spektrum von Grenzverletzungen in Form von physischer, psychischer oder sexualisierter Gewalt, darunter auch in Einzelfällen Sexualstraftaten.

Schneider selbst hat vehement bestritten, in irgendeiner Form persönlich an Übergriffen beteiligt gewesen zu sein. Er räumte allerdings ein, nicht rechtzeitig die Aufklärung von Vorwürfen gegen Dritte eingeleitet zu haben und bat die Opfer um Verzeihung.

Dem Bericht zufolge räumte Schneider auch ein, gewusst zu haben, dass ein mittlerweile gestorbener Beschuldigter, der laut Bericht wahrscheinlich pädophil war, Aktfotos von Jungen anfertigte. Er habe den Beschuldigten deswegen kritisiert und gesagt, er selbst würde so etwas nicht tun, unterband das Fotografieren aber nicht. Der Beschuldigte galt als ein enger Vertrauter Schneiders. In der Handhabung der Duschaufsicht durch den Beschuldigten und in der Praxis des rektalen Fiebermessens sah Schneider damals keine Probleme.
Nach dem Abschluss der internen und externen Untersuchungen der Vorwürfe stehe dem Einsatz Schneiders in wichtigen seelsorgerlichen Funktionen nun nichts mehr im Wege, heißt es in der Pressemitteilung des Bistums Hildesheim zur Ernennung zum Göttinger Superior. In dieser Funktion ist der 64-Jährige auch für die Priesterseelsorge zuständig. Die Leitung der Pfarrgemeinde hat dagegen weiter Pater Manfred Hösl.

Dieser freut sich nach eigener Aussage über die Verstärkung durch einen engagierten Seelsorger und teilt damit die positive Beurteilung Schneiders durch den deutschen Leiter des Ordens, Stefan Kiechle. Die Kommunität habe sich einhellig für Schneider ausgesprochen, so Hösl. Entscheidend sei, dass Schneider sich nichts persönlich habe zuschulden kommen lassen und seine eigene Verantwortung kritisch hinterfragt habe.

In der Folge des Missbrauchsskandals sei es zu einem Paradigmenwechsel gekommen, so Hösl. Früher habe man immer eher den Amtsträgern geglaubt. Statt dieser Option für die Verantwortlichen gebe es nun zu Recht eine Option für die Opfer. Man sei gegenüber Kindern und Jugendlichen hellhöriger geworden, diese Wachheit habe früher gefehlt. Personen, von denen Übergriffe ausgehen könnten, müssten aus ihrer Funktion entfernt werden. In der Folge des Skandals dürfe es aber nicht zu einer grundsätzlichen Kollektivhaftung kommen. Er bitte daher auch um eine Chance für Schneider und eine differenzierte Betrachtung. Die Jesuiten würden sich dem Grundmisstrauen stellen, das sie nun erst einmal überwinden müssten.
Hösl lässt auch durchblicken, dass Schneider durchaus unglücklich damit ist, in den Fokus eines Problems gerückt zu sein, der das relativ geschlossene Ordens- und Internatssystem insgesamt betraf. Gerade Schneider habe wohl noch am ehesten versucht, gegenzusteuern.

Bistums-Pressesprecher Michael Lukas weist darauf hin, dass die Personalie bewusst offen, transparent und schnell kommuniziert worden sei. Möglicherweise wird Schneider auch in der Katholischen Hochschulgemeinde mitwirken, dazu muss aber noch der Gemeinderat gehört werden.

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