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Nach Mordversuch: Ehefrau des Angeklagten schildert Martyrium

Chronik eines misslungenen Mordversuchs Nach Mordversuch: Ehefrau des Angeklagten schildert Martyrium

Nein, eine Entschuldigung des Angeklagten will sie nicht hören. „Mach es wie du willst, aber nicht öffentlich“, sagte die 39 Jahre alte Ex-Ehefrau des wegen versuchten Mordes angeklagten Immobilienkaufmanns Christian K..

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen/Eddigehausen. Immer wieder durch Tränen erstickt, hat das Opfer des heimtückischen Mordanschlags in Eddigehausen am Freitag im Schwurgericht ihr Monate währendes Martyrium geschildert. Ihr damaliger Mann hatte versucht, sie mit von ihm verabreichtem Blei und Quecksilber zu töten.

Das Leiden begann in den Fußsohlen: Schmerzen. Dann die Knie, beschreibt das Opfer. Übelkeit, Unterleibschmerzen, immer wieder Erbrechen, Kraftlosigkeit, Gewichtsverlust - von Tag zu Tag wog sie weniger. Irgendwann waren es nur noch 48, dann 47, am Ende 45 Kilogramm. Heute wiegt die große, schlanke Blondine 15 Kilo mehr und ist noch immer viel zu dünn. Dreieinhalb Stunden hat sie dem Gericht berichtet, wie es zu der Trennung von ihrem Ehemann kam. Ein Grund mit sei wohl der unerfüllte Kinderwunsch gewesen.

Im Sommer 2014 habe sie die Trennung vollzogen. Bald darauf wurde sie krank. Die Ärzte tippten auf gynäkologische Probleme, untersuchten sie auf Autoimmunkrankheiten, HIV, schließlich auf psychische Belastungen. Ihr Leiden hätten die Ärzte „immer auf die Psychoschiene geschoben, weil ich mich ja getrennt hatte“, sagt sie. Dass ihr Mann sie vergiften würde, habe sie nicht wahrhaben wollen. Dabei sei ihr schon bald aufgefallen: „Immer wenn er da war, ging es mir schlechter.“

Diesen Satz, nur mit „sie“, kannte sie aus dem Fernsehen - einer Episode der Filmserie „Dr. House“, die sie mit ihrem Mann oft gesehen hatte. Dort vergiftet eine Frau ihren Mann mit Edelmetall. Bei ihr war es Schwermetall, das er ihr in den Wein, die Gemüsebrühe, das Nahrungsergänzungsmittel getan, schließlich in Backofen, Toaster, in die Lüftung der Autos und auf den Heizkörpern ausgebracht hat. Erst nach mehreren Krankenhausaufenthalten und einer Reha, die sie abgemagert, völlig geschwächt und voller Schmerzen durchlitten hatte, kam es im Oktober zu der schockierenden Entdeckung: glitzernde Quecksilberkügelchen tanzten in ihrem Backofen. Sie habe ihn via Whatsapp gar arglos angeschrieben, ob er im Backofen „experimentiert“ habe. Er habe sich ahnungslos gegeben. Als sie Tage später beim Frühstück Toast aufbuk, sei der voller glitzernder Quecksilberpartikel gewesen.

Sie rief die Giftinformationszentrale an. Die riet ihr zur Anzeige. Ihr Hausarzt untersuchte sie nun auf Schwermetallvergiftung. Ergebnis war ein extrem hoher Bleiwert im Blut. Noch Wochen musste sie sich arglos geben, bis die Polizei die Beweise gesichert hatte: Blei in Nahrungsmitteln, Quecksilber in Autos, Büro, Schlafzimmer, Küche - das ganze Haus bis heute unbewohnbar. Dann wurde er verhaftet. Die Wochen zuvor, die Erkenntnis, vergiftet worden zu sein, sei das Schlimmste gewesen. „Und ständig die Angst, dass Du so eine Scheiße baust, du Idiot!“, bricht es ein einziges Mal aus ihr heraus. Die Ermahnung des Gerichts, den Angeklagten nicht direkt anzusprechen, klingt mitfühlend gedämpft.

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