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Nach dem Krieg zu Fuß von Linz nach Göttingen

Unter uns Nach dem Krieg zu Fuß von Linz nach Göttingen

„Ich bin der älteste Pensionär der Berufsfeuerwehr.“ Viktor Schneider ist stolz auf diesen Rekord. Und natürlich auf seine 34-jährige Dienstzeit bei den Göttinger Brandbekämpfern.

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Der älteste Pensionär der Göttinger Feuerwehr: Viktor Schneider ist seit 30 Jahren im Ruhestand.

Quelle: Hinzmann

Anfang Januar hat Schneider seinen 90. Geburtstag gefeiert. Vor 30 Jahren, im Januar 1981, ist Schneider in den Ruhestand verabschiedet worden.

Auch wenn Schneider nicht an vorderster Brandbekämpferfront gekämpft hat, ohne ihn lief nichts bei der Berufsfeuerwehr. Als Werkstattleiter war Schneider 36 Jahre für den Fuhrpark verantwortlich, dafür, dass die Fahrzeuge einsatzbereit waren. Und das war vor allem in der Nachkriegszeit ein Unterfangen, dass Schneiders Organisations- und Improvisationstalent allzu oft auf die Probe stellte. Ersatzteile für Motoren oder Drehleitern waren Mangelware. Bestens erinnert sich Schneider etwa an eine ausgedehnte „Ersatzteiltour“, die ihn 1948 nach Süddeutschland führte und bei der er mühsam Ersatzteile für den Mercedes- und Magirusfuhrpark zusammen gekauft hat. Teilweise bekamen Schneider und seine Werkstattkollegen Hilfe von den in Göttingen stationierten britischen Truppen. So funktionierte der Krankentransport im Landkreis in den Nachkriegsjahren etwa mit vier ausgemusterten und für die zivile Nutzung umgebauten Militärkrankenwagen der Briten. Damals habe es pro Tag etwa 350 Krankentransporte gegeben, die in der Verantwortung der Feuerwehr lagen. Eine enorme Belastung für die Maschinen, wie Schneider sich erinnert. „Um die wieder flott zu machen, habe ich mir so manche Nacht um die Ohren geschlagen.“ Diese Nachtaktionen lassen Schneiders Überstundenkonto anwachsen. Zu seiner Verabschiedung 1981 rechnet der damalige Feuerwehrchef Siegfried Karkowski vor: „Eigentlich hätten sie schon vor vier Jahren in Pension gehen können.“ Immerhin 6800 Überstunden sind zusammengekommen.
Fachkräfte, wie Schneider, waren nach dem Zweiten Weltkrieg gesuchte Leute. Der damalige Feuerwehrchef Hermann Grote engagierte den gelernten Maschinenschlosser Schneider sofort, als dieser sich um einen Posten bei der Göttinger Feuerwehr beworben hatte. Ab 1948 leitete er dann die Werkstatt.
Dass es Schneider 1945 überhaupt nach Göttingen verschlagen hat, ist einer der vielen Zufälle in den Wirren zu Kriegsende. „Eigentlich wollte ich zu einem Kriegskameraden nach Wernigerode“, erinnert sich Schneider. Weil dieser aber nicht zuhause war, habe er es bei einem weiteren ehemaligen Mitsoldaten versucht. Dieser wohnte in Göttingen und war bereits zuhause. Zum Kriegsende war Schneider mit seiner Einheit bei Linz in Österreich stationiert, nach Hause, ins schlesische Freudenthal (heute Bruntál in der Tschechischen Republik), wollte er nicht: „Da waren ja die Russen“, sagt Schneider. Nur mit seiner alten Uniform und einem Brotbeutel habe er sich dann auf den beschwerlichen Fußmarsch Richtung Wernigerode aufgemacht. „Die Stiefel von damals habe ich heute noch“, sagt Schneider. „Die waren bequem und von guter Qualität.“

Mit dem beruflichen Aufstieg kommt das private Glück. 1948 heiratet Schneider in St. Paulus. Tochter Gabriele kommt 1951 zur Welt, Sohn Wolfgang 1952. Der Feuerwehr hält Schneider auch heute noch die Treue: Einmal im Monat trifft er sich mit rund 30 ehemaligen Kollegen.

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