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Nachtlager neben Wildschweinen und Zecken

Göttinger lebt seit Jahren im Wald Nachtlager neben Wildschweinen und Zecken

3000. Allein diese eine Zahl verdeutlicht, was Govinda Hohmann erlebt und durchgemacht hat. Mehr als 3000 Tage und Nächte hat Hohmann in den letzten Jahren im Wald gelebt, durchgehend, bei Wind und Regen, Sonne und Schnee. Hohmann ist obdachlos.

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Eine Matratze, ein Schlafsack, ein Kissen und zwei Hanteln: Govinda Hohmann in seinem Lager im Göttinger Wald.

Quelle: Vetter

Göttingen. Doch um zu verstehen, warum Hohmann im Wald wohnt, muss mehr als nur eine Zahl, mehr als nur ein Situation oder ein Lebensabschnitt beschrieben werden. Selbst wenn man Hohmanns ganzen Leben niederschreiben würde, es kämen noch immer so viele Fragen auf, die wahrscheinlich nicht zu beantworten wären. Denn seine Geschichte ist zu verwirrend und skurril.

Es ist ein lauer Sommerabend im August. Hohmann steht in seinem Camp, wie er es nennt, mitten im Wald am Rand von Göttingen. Die letzten Sonnenstrahlen dringen durch das dichte Grün der Bäume, verlieren sich im Geäst. Kaum einer gelangt durch die Baumkronen auf den Waldboden. „Das hier ist kein schöner Wald. Es ist schon ziemlich dunkel hier“, sagt Hohmann und blickt sich um. „Nur wenn die Sonne scheint, ist es nett.“ Unter einer dunkelgrünen Plane, die fest zwischen Bäumen gespannt  ist, liegt hier im Wald eine einfache Matratze aus Schaumstoff, auf ihr ein Schlafsack und ein Kissen. Verschließbare Kisten stehen um das Bett herum, gefüllt mit Büchern, Kleidung, Lebensmitteln. Daneben Hanteln und Gewichte, „mein persönliches Fitnessstudio.“

Camp am Rande von Göttingen

Hohmann wohnt erst seit wenigen Wochen in diesem Camp am Rande von Göttingen. Er musste in den vergangenen Monaten oft umziehen, Beschwerden von Anwohnern und Spaziergängern häuften sich. „Ich konnte vier Jahre ohne Probleme im Wald oberhalb der Schillerwiese leben, doch das war jetzt nicht mehr möglich“, sagt er. Nach Tageblatt-Informationen wurde Hohmann dort mehrere Jahre geduldet, auch wenn es grundsätzlich nicht erlaubt ist, im Wald zu zelten. Erst nachdem sich die Beschwerden häuften, musste Hohmann auf andere Waldflächen ausweichen. Der 40-Jährige steht wenige Meter von seinem Lager entfernt und versucht zu erklären, wie es dazu kam, dass er seit fast einem Jahrzehnt unter freiem Himmel wohnt. Er berichtet von Camps in Bamberg und Potsdam, monatelangen Trips durch Europa und dem Beginn dieses ganzen Abenteuers – wenn man Hohmanns Leben so nennen will.

Köln 2002. Vor mehr als zehn Jahren beginnt die Geschichte, die Hohmann in die Wälder führen und aus ihm einen Überlebensexperten machen wird. Hohmann ist 30 Jahre alt, Student. Ihm fehlen aber die Scheine von bestandenen Seminaren an der Universität, ihm wird das Bafög gestrichen. Die Folge: Er wird aus seinem Studentenwohnheim in der Domstadt rausgeworfen. „Ich hatte plötzlich keine Wohnung und kam bei Bekannten unter“, erzählt er. Er zieht von Bekannten zu Bekannten, bis es ihm unangenehm wird und er in einem Obdachlosenwohnheim unterkommt. Eine furchtbare Erfahrung für ihn. „Ich lebte anfangs in einem kleinen Zimmer mit Alkoholikern und Menschen, die sich im Schlaf einnässten“, erinnert er sich. Einen Monat hielt er es aus, dann kam er in ein anderes Heim. Die negativen Erfahrungen setzten sich fort. Hohmann lebte jetzt zusammen mit gewalttätigen Ex-Häftlingen.

Rauswurf aus dem Studentenwohnheim

Ein Jahr nach seinem Rauswurf aus dem Studentenwohnheim entschließt er sich, aus diesen Verhältnissen zu fliehen. Da er keine Wohnung findet, die seinen Ansprüchen entspricht, flieht er in die Natur. „In der Natur kann ich entspannen, bin kreativ, flexibel.“ Er beginnt ein ungewöhnliches Leben. Vor allem, da er selbst sehr ungewöhnlich ist, wie er gesteht: „Ich fühle mich in knapp 90 Prozent aller geschlossenen Räume unwohl, deswegen habe ich in der Zeit auch keine vernünftige Wohnung finden können.“ Er erklärt, dass er Energiefelder spüren könne, die Kräfte von Sträuchern und Bäumen ihn heilen könnten, er mit den Pflanzen kommunizieren könne. „Es ist eine ungewöhnliche Realität, in der ich lebe“, sagt er. Sie sei auch der Grund, warum er als arbeitsunfähig eingestuft wurde. Trotzdem versucht er, so normal wie nur möglich zu sein, um nicht anzuecken oder Aufsehen zu erregen. „Die meisten Menschen haben aber feste Denkmuster, in denen ich keinen Platz finde.“ Er weiß, dass ihn viele schräg angucken, ihn als einen Betrüger bezeichnen.

In den ersten Jahren im Wald begann er, sein Leben dort zu perfektionieren. Hohmann nennt es sein „Survivalstudium“. Er studiert über Jahre Wildpflanzen, lernt, mit Wildschweinen und Zecken zurechtzukommen,  Krankheiten selbst zu heilen. Er reist durch das Land, ist selten länger als zwei Monate an einem Ort. Es ist eine Flucht vor festen Verhältnissen und vor der Gesellschaft. Nach fünf Jahren in der Natur kommt er bei einem Vortrag mit dem Survivalexperten und Menschenrechtsaktivisten Rüder Nehberg ins Gespräch. Am Ende der Unterhaltung wird Hohmann mit einem neuen Ziel in die nächsten fünf Jahre als Überlebenskünstler starten: Nehberg animiert ihn, seine Erfahrungen und Erlebnisse niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Von diesem Moment an beschließt Hohmann, sesshaft zu werden, um die Bücher zu schreiben. Er landet in Göttingen. „Und hier will ich bleiben, bis ich fertig bin.“

„Ich bin ein absoluter Hollywoodfanatiker“

Der heute 40 Jahre alte Mann hat sein Leben in der Natur in den vergangen Jahren perfektioniert, aber auch den Standard angehoben. Er liegt oft stundenlang nachts im Bett und guckt Hollywoodfilme auf seinem Laptop, liest Bücher auf seinem E-Book-Reader, hört Hörbücher. „Ich bin ein absoluter Hollywoodfanatiker“, sagt er. Angst habe er selten alleine in seinem Camp. Er kennt sein Lager, weiß, wie er sich im Dunkeln bewegen muss. Hohmanns Erinnerungen und Erfahrungen sprudeln nur so aus ihm heraus. Hinter den Bäumen ist langsam die Sonne untergegangen, die Grillen zirpen, und Hohmann wird unruhig. „Ich muss ein paar Meter weiter, ich spüre hier ganz schlechte Energien.“ Er geht einen kleinen Pfad entlang und bleibt stehen. „Hier müsste es besser sein“, sagt er und fährt mit seinen Erzählungen fort.

Diesen Winter will er nicht mehr draußen verbringen, da ist er sich sicher. „Ich war neun Jahre in der Kälte draußen, habe gelernt, zu überleben. Aber ab November würde ich gerne in einer Wohnung sein.“ Dort möchte er sich dann ganz den Büchern widmen und sie fertigstellen. Nur ist er sich nicht sicher, ob er ein geeignetes Quartier finden wird. „Für schlechte Wohnungen bin ich mir zu gut – und für die guten bin ich den Vermietern zu schlecht.“ Mit der Unterstützung der Stadt Göttingen hofft er dennoch, in den nächsten Wochen eine passende Bleibe zu finden.

Von Christopher Piltz

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