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Nachtschicht am Montag in Göttingen

Thema des Tages Nachtschicht am Montag in Göttingen

Nicht nur in den Krankenhäusern der Region wird rund um die Uhr gearbeitet. Während die meisten Arbeitnehmer an einem ganz normalen Montagabend um Mitternacht längst die Füße hochgelegt haben, ist für andere noch lange nicht Schluss. Sie sorgen für Sicherheit in der Stadt, die Fahrt nach Hause, ein Feierabendbier oder frische Brötchen.

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Kaffee, Zigaretten oder Diesel: John Somana in der Esso-Tankstelle am Weender Tor.

Quelle: Pförtner

Göttingen/Klein Lengden. Mitternacht am Montag: Für Busfahrer Dirk Büngener naht der Feierabend, Bäckermeister Jens Winkler legt gerade erst los. Nur noch wenige Autos sind auf den Straßen in und um Göttingen unterwegs. In der Innenstadt haben einige Kneipen bereits geschlossen. Nicht das Fürst Bismarck. Bei Marko Weiss brennt Licht, einige  Stammgäste spielen Dart, trinken ein spätes Feierabendbier, zwei Männer sitzen an der Theke und würfeln.

Im Radio läuft das Lied „Something stupid“ von Frank Sinatra. „Wir haben täglich ab 9.30 Uhr geöffnet“, erzählt Weiss. Dennoch kaum eine Spur von Müdigkeit bei dem Mann an der Bar. Gemeinsam mit seinem Bruder Erich, besser bekannt als Bosi, betreibt er die Kneipe in der Johannisstraße. „Ein Familienbetrieb“, sagt er. Feierabend ist hier, wenn die letzten Gäste gehen.

Kurz nach Mitternacht ist es für Büngener Zeit, den Zündschlüssel umzudrehen und den blauen Bus abzustellen. Dann ist auch die letzte Fahrt der Linie 12 nach Geismar geschafft. „Montags ist es eigentlich immer relativ ruhig“, sagt der erfahrene Fahrer der Göttinger Verkehrsbetriebe.

„Wir kommen von einer Party und fahren zu einer Party“

Heute aber hat er eine fidele Fuhre an Bord – feuchtfröhlich feiert eine Gruppe Studenten auf den hinteren Bänken in seinem Bus. „Wir kommen von einer Party und fahren zu einer Party“, ruft ­einer der jungen Fahrgäste. Am Carré steigt die Gruppe aus. Büngener fährt fast immer im Spätdienst. Drei Linien hat er heute bedient, den großen Gelenkbus zu später Stunde gegen das „kleine Fahrzeug“, einen klassischen Linienbus, getauscht. Eines hat der Busfahrer in den vergangenen 20 Jahren an Bord seiner Busse beobachtet: „Der Ton wird rauer, es gibt einen Generationswechsel bei den Fahrgästen.“

Bis 6.30 Uhr läuft die Schicht von Wolfgang Allrutz. Er ist Dienstabteilungsleiter des ESD I (Einsatzdienst) der Polizei in der Wache an der Groner Landstraße. Sein Abend startet turbulent. Gemeinsam mit den Streifen-Teams und den Kollegen von der Tatortermittlungsgruppe muss er sich gleich zu Beginn um Randalierer in der Innenstadt, um Kinder, die mit ­geklauten Rollern das Parkdeck der Groner Landstraße 9 unsicher machen und um eine Haftsache kümmern. Haftsache? „Wir haben zur Zeit eine massive Zunahme von Wohnungseinbrüchen am Tage“, sagt Allrutz. Zwei Verdächtige werden gerade vom zuständigen ZKD, dem Zentralen Kriminaldienst, befragt.

Dann kommt auch schon die nächste Meldung rein. Allrutz' Kollegen springen auf und laufen los. „Eine Massenschlägerei“, heißt es. Wenige Minuten später sind die Polizisten wieder da. Die Massenschlägerei entpuppt sich als kleine Rangelei mit einigen Zuschauern. Eigentlich, so Allrutz, sei es montags eher ruhig. Aber: „Es ist Sommer, die Menschen werden aktiv“, sagt er. Und das schlage sich auch im Einsatzgeschehen nieder. Ruhestörungen und Randale-Einsätze nehmen an lauen Sommerabenden deutlich zu.

Von null bis 9 Uhr arbeiten, das mache ihm nicht viel aus

Eher ruhig geht es in der Esso-Tankstelle am Weender Tor zu. Ein Mann kauft Zigaretten, ein Kurierfahrer einen Kaffee, ein junger Mann ein alkoholfreies Bier. Einige der Kunden, die John Somana heute bedient, kommen vor der anderen Straßenseite. Die Diskothek dort hat auch am Montag geöffnet und sorgt für einige Gäste in der Tankstelle. Hamburger, Zigaretten, Süßigkeiten und Getränke wechseln den Besitzer. Somanas Schicht endet um 7 Uhr, bis dahin kommen noch einige Nachtschwärmer vorbei. Ob es nicht manchmal Ärger gibt? „Ja“, sagt er, das komme vor. „Aber ich habe das im Griff“, sagt der muskulöse Mann.

Wenn Somana seinen Heimweg antritt, beißen viele Göttinger bereits frisch geduscht in ihr Marmeladenbrötchen. Dafür, dass die rechtzeitig auf dem Frühstückstisch liegen, sorgt Jens Winkler. Der Bäckermeister flitzt am frühen Morgen durch die Produktionshalle der Firma Backhaus in Klein Lengden. Er schaufelt hier Mehl hinein, dort Dinkelschrot in einen Bottich, rollt die Container mit den Teigen durch die Backstube. Von null bis 9 Uhr arbeiten, das mache ihm nicht viel aus, sagt der 49-Jährige. Drei Tage in der Woche habe er dafür ja frei.

„Dann hole ich den Schlaf nach“, sagt er. Denn wenn er nach dem Dienst nach Hause kommt, hat er nur eine kurze Verschnaufpause, bis er das Mittagessen für seinen Sohn kocht. Winkler liebt und lebt seinen Job in der Bäckerei, in der noch viel von Hand und ausschließlich ökologisch gebacken wird. „Ich habe meine Ausbildung erst mit 30 Jahren begonnen, vorher war ich Elektriker“, sagt der Meister. „Aber das war so unlebendig“, erzählt der 49-Jährige und widmet sich wieder seinem Teig. Denn in ein paar Stunden, da muss alles fertig sein.

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