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Namen finden, Wege planen: Unterwegs mit Tageblatt-Zusteller

Nächtlicher Einsatz Namen finden, Wege planen: Unterwegs mit Tageblatt-Zusteller

Mit einem lauten Ratschen wird die Zeitung durch den Briefschlitz an der Eingangstür gezogen und anschließend ebenso lautstark geschüttelt und zerbissen. Claudia Menke* erschreckt sich mittlerweile nicht mehr, dass ihr das Göttinger Tageblatt an diesem Haus förmlich aus der Hand gerissen wird.

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Quelle: Hinzmann

Hetjershausen. Es ist 3.15 Uhr, und Yorkshire-Terrier Eddie hat gerade die Zeitung in Empfang genommen. Menke ist schon seit einer Dreiviertelstunde auf Tour und wird in dieser Nacht in nur zwei Stunden insgesamt 160 Exemplare des Göttinger Tageblatts verteilen.

„Als ich angefangen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, wie das Pensum zu schaffen ist”, erzählt die Frau, die bei der Zeitungsvertriebsgesellschaft Göttingen-West für zwei Zustellbezirke zuständig ist. Eingänge suchen, Namen finden, kurze Wege planen, Hunde kennenlernen – das alles benötigt seine Zeit. Aber bereits nach einem halben Jahr fühlte sie sich so sicher, dass sie noch einen zweiten Bezirk übernehmen wollte. Wer ihr heute, drei Jahre später, zu folgen versucht, muss schnell sein.

Menke ist schon lange ohne Laufplan unterwegs. Sie weiß auswendig, welcher Haushalt wie oft in der Woche eine Zeitung bekommt. Ebenfalls kennt sie Urlaubspläne und Sonderwünsche ihrer Kunden. „Manche legen sogar Wert darauf, wie ich die Zeitung in den Briefkasten lege, damit sie noch ganz glatt ist”, sagt sie im Gehen. Den Herrchen von Eddie scheint so etwas egal zu sein.

So unterschiedlich wie die Menschen, die hier wohnen, gestalten sich auch Menkes nächtliche Einsätze. Im Licht ihrer Kopflampe leuchten immer wieder Augenpaare auf – die Katzen ihres Reviers sind zu treuen Begleitern geworden. „Der Job gefällt mir, denn ich laufe gerne”, sagt sie, nachdem eine weitere Zeitung im Briefschlitz verschwunden ist. Für die Zustellung des Tageblatts ist sie an sechs Nächten in der Woche unterwegs, außerdem trägt sie an manchen Tagen noch den Blick und Briefe für die Citipost aus.

Die Diskussionen über die Einführung des Mindestlohns verfolgt sie genau – und begrüßt sie natürlich. „Ich erhoffe mir vom Mindestlohn nicht zuletzt später mehr Rente”, so Menke, deren Bruttolohn derzeit bei ungefähr sieben Euro liege. Dass mit der Einführung des Mindestlohns auch eine Nachweispflicht der Arbeitsstunden gilt, sieht sie eher skeptisch. „Wenn  jedem Bezirk eine Zustelldauer zugewiesen wird, bedeutet das auch mehr Zeitdruck.” Und dem seien gerade ältere Leute, die ihre Rente aufbessern wollen, nicht unbedingt gewachsen.

Von Jonas Rohde

*Name von der Redaktion geändert

Gesetzlicher Mindestlohn und Übergangsregelung bis 2017

Zum 1. Januar 2015 wurde der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt – zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Das Gesetz betrifft auch die Zeitungszusteller, allerdings mit einer Übergangsregelung bis 2017. Die Mediengruppe Madsack, zu der das Göttinger Tageblatt gehört, hat dazu Vorbereitungen getroffen, damit die neuen Regelungen reibungslos umgesetzt werden können.

Denn die mit dem Mindestlohn gesetzlich geforderte Nachweispflicht der geleisteten Arbeitsstunden ist bei der bislang nach Stückzahl vergüteten Zeitungszustellung naturgemäß nur schwer durchführbar. Deshalb hat die in Leipzig ansässige Konzernlogistik gemeinsam mit den Verlagshäusern jeden einzelnen Zustellungsbezirk der 18 Madsack-Tageszeitungen vermessen und daraus die Zeit berechnet, die für jede Tour benötigt wird. Abweichungen von diesen Regelarbeitszeiten können die Zusteller melden, um diese so vergütet zu bekommen.

Für Zeitungen der Mediengruppe Madsack arbeiten 22500 Zeitungszusteller, rund 460 davon für das Göttinger Tageblatt, angestellt bei drei Vertriebsgesellschaften. Für sie und ihre Kollegen sieht das Gesetz eine Übergangsregelung vor: 2015 erhalten sie 75 Prozent des Mindestlohns und 2016 85 Prozent, bevor sie 2017 schließlich 8,50 Euro verdienen. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) befürchtet, dass durch die Einführung des Mindestlohns Stellenstreichungen nötig würden und der Vertrieb in manchen Regionen auf lange Sicht ernsthaft gefährdet sei. 

Die Gewerkschaft Verdi hält dagegen, dass die Vertriebskosten für Verlage ohnehin zu vernachlässigen seien. Zudem werde es durch den Mindestlohn mehr Interessenten für den anspruchsvollen Job geben.

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