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Neuberechnung einer 2000 Jahre alten Karte

Begeisterung uns Skepsis Neuberechnung einer 2000 Jahre alten Karte

Eine bahnbrechende Entdeckung, meinen Wissenschaftler, haben Berliner Forscher mit der Entdeckung einer antiken Karte des Germanien der Römerzeit gemacht. Die Siedlungsgeschichte der Deutschen müsse nach der Auswertung einer Kopie von Ptolemäus‘ fast 2000 Jahre alter Karte „Germania Magna“ umgeschrieben werden, meinen einige Historiker euphorisch. Doch der Göttinger Kreisarchäologe Klaus Grote bleibt skeptisch.

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Mit Maßstabsfehlern: Ptolemäus‘ Karte von „Magna Germania“, hier eine Kopie etwa um 1500.

Und das, obwohl die Karte nach Ansicht der Berliner Wissenschaftler auch den Ort des früheren Römerlagers zwischen Hann. Münden und Witzenhausen darstellt. Das heutige Hedemünden, erst 1017 urkundlich erstmalig erwähnt, heißt bei Ptolemäus Munitium. Weitere von Ptolemäus aufgeführte Orte in der Nähe: Stereontium (Kassel), Tulifurdum (Hannover), Tulisurgium (Braunschweig) und Amisia (Fritzlar). Diese neue Zuordnung von Karte und heutigen Städtenamen wurde möglich durch eine Neuberechnung von Maßstabsfehlern, die Ptolemäus in seiner Germanien-Karte unterliefen.

Im Gegensatz zu Wissenschaftlern und Verlagen, die von einer „Sensation“ sprechen, rät Grote zu wissenschaftlicher Vorsicht. Womöglich, meint Grote, hätten sich die Berliner Forscher auf möglicherweise falsche Daten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts als Fixpunkte ihrer geografischen Neuberechnung verlassen. Neuere Forschungen seien zu anderen Ergebnissen gekommen. Hätte man diese verwendet, sagt Grote, würden die von Ptolemäus verzeichneten Orte womöglich anderswo liegen als vom Berliner Forscherteam ermittelt. Für einen solchen systematischen Fehler spreche auch, dass an einigen der von den Berlinern identifizierten Orten bislang keine Indizien für eine Römerpräsenz vorlägen – weder Urkunden noch Ausgrabungsgegenstände.

Dass gerade Munitium alias Hedemünden ins Blickfeld des berühmten antiken Kartografen gelangt sei, hält Grote für ziemlich unwahrscheinlich. Es sei wenig plausibel, dass Ptolemäus, der die wichtigsten Orte aufführen wollte, ausgerechnet ein Militärlager in diese Liste aufgenommen hat, dass nach allen bisherigen Forschungsergebnissen gerade einmal ein paar Jahre Bestand hatte.

Daher, meint Grote, sei es gut möglich, dass der bisherige Forschungsstand der richtige ist: Danach lautet der moderne Name Munitiums nicht Hedemünden, sondern Bielefeld.

Von Matthias Heinzel

Fast 2000 Jahre alte Karte neu entzerrt und berechnet

Göttingen. Claudius Ptolemäus, geboren etwa um das Jahr 100 n. Chr., war ein griechischer Universalgelehrter – Mathematiker, Geograph, Astronom, Astrologe, Musiktheoretiker und Philosoph. Insbesondere seine Werke über Astronomie, Geografie und Astrologie galten bis in die frühe Neuzeit als wissenschaftlicher Standard. Unter anderem wusste er bereits, dass die Erde eine Kugel ist.
Unter anderem wirkte Ptolemäus als Bibliothekar an der berühmten antiken Bibliothek in Alexandria. Dort zeichnete er 26 farbige Karten auf Tierhäute, die bis ins Spätmittelalter immer wieder kopiert wurden – darunter auch die Karte von „Magna Germania“, die 94 „poleis“ (Städte) verzeichnet. Das Original, vermutlich um das Jahr 150 entstanden, ist verschwunden.
Bis vor kurzem waren nur Abschriften aus sehr viel späterer Zeit bekannt. Jetzt aber stießen Wissenschaftler vom Institut für Geodäsie der TU Berlin im Istanbuler Topkapi-Palast, der Residenz osmanischer Sultane, auf ein sehr viel älteres Exemplar. In sechsjähriger Arbeit gelang es den Forschern, die maßstabsverzerrten verzeichneten Orte mittels einer neuen Kartenprojektionsentzerrung neu zu bestimmen und heutigen Siedlungen zuzuordnen – darunter auch angeblich Hedemünden. hein

Glosse

Die Bielefeld-Verschwörung: Seit 1994 gibt es sie im Internet. Kernpunkt ist die Nicht-Existenz der westfälischen Stadt. Seitenweise kursieren Theorien darüber im Netz, es gibt einen Spielfilm, einen Wikipedia-Eintrag. Alle Anhänger der Satire sind sich einig: Die Stadt Bielefeld hat es nie gegeben. Sehr witzig, vor allem wenn man selbst Bielefeld heißt.
Was Roswitha bislang immer geglaubt hat, ist, dass die Bielefeld-Verschwörung im Internet geboren wurde. Nun wurde dieses Karte, die Wissenschaftler im Topkapi-Palast in Istanbul (eine Stadt, die wirklich existiert) entdeckt haben, ausgewertet. Auf dem 700 Jahre alten Werk, das Deutschland von 2000 Jahren zeigt, verzeichnet der alte Gelehrte Ptolemäus Siedlungen im deutschen Raum. Hannover zum Beispiel, das den hübschen Namen Tulifurdum trug. In Südniedersachsen findet sich Munitium, was von den Forschern mit dem Römerlager bei Hedemünden in Verbindung gebracht wird. Und nun kommt überraschenderweise die Bielefeld-Verschwörung ins antike Spiel. Denn Munitium lag laut anderer Wissenschaftler dort, wo Bielefeld sein sollte. Ptolemäus, der Schelm. Schon damals hat er versucht, Bielefeld unter falschem Namen in die Karte zu schmuggeln. Der Urvater der Bielefeld-Theorie heißt also Ptolemäus. Aber wer weiß schon, ob es den Mann wirklich gegeben hat. bib

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