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Neue Ermittlungen in Sachen herrenlose Hanfplantage

Aus dem Amtsgericht Neue Ermittlungen in Sachen herrenlose Hanfplantage

Man kann auch aus Prozessen, die platzen, etwas lernen. Zum Beispiel über Gewaltenteilung. Das Gericht, die Judikative, hat Recht zu sprechen. Dazu braucht sie die Zuarbeit der Exekutive, also der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Reicht deren Arbeit nicht aus, scheitert der Prozess.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Das lernte am Montag die Klasse 7.1 der IGS Geismar auf der Zuhörerbank. Verhandelt wurde gegen einen 39-Jährigen. Dem unbescholtenen Göttinger aus der Autobranche wird laut Anklage vorgeworfen, in einem Wohnhaus in Weende eine umfangreiche Hanfplantage betrieben zu haben. In der eigens für die Zucht von Cannabispflanzen hergerichteten Wohnung fanden sich bei einer Durchsuchung 767 Gramm Cannabisblüten, 27 Gramm Harz, 776 Gramm Hanfblätter, Cannabissamen und diverse Dealerutensilien. Die Anklage wirft dem Mann vor, mit verbotenen Drogen gehandelt zu haben. Sie unterstellt, die angebauten Pflanzen seien von vornherein zum Dealen bestimmt gewesen.

Allerdings: War der Angeklagte wirklich der Eigentümer der Drogen, Betreiber der Anlage und Bewohner der Räume? Eineinhalb Jahre lang herrschte bei den Ermittlungsbehörden die Überzeugung, den Richtigen zu haben. Der Staatsanwalt rechnete mit einem Geständnis. Erst in den letzten Wochen kamen Zweifel auf. Vorsorglich ließ die Ermittlungsbehörde von der Polizei eine Lichtbildvorlage machen, mit der ein Hauptzeuge, Mitbewohner des Hauses, den Angeklagten der fraglichen Wohnung zuordnete. Dieser Zeuge, ein 50-Jähriger, sagte aus, er habe den Angeklagten mehrmals im Haus gesehen. Vorher sei ein "Langhaariger" Mieter gewesen.

Der Angeklagte schweigt zwar zu den Vorwürfen, aber durch die Fragen seines Verteidigers wird schnell klar: Er bestreitet, überhaupt in der Wohnung gelebt zu haben. Einen Mietvertrag dafür hat er nicht. "Ich habe aber gesehen, wie er mit Schlüssel da reingegangen ist", sagt der Zeuge. Wann genau, das weiß er nicht. Es kommt schließlich heraus, dass noch andere Bewohner des Hauses, die von der Polizei nie befragt wurden, etwas zum Mietverhältnis sagen könnten. Und gegen den Belastungszeugen selbst war vor einem Jahr ebenfalls wegen Drogen- und Waffenbesitzes eine Hausdurchsuchung.

Aufgefallen war die Plantage am 14. Juli 2014 durch Zufall. Die Bewässerungsanlage für die Pflanzen war defekt, Wasser floss in den Flur. Der Zeuge hatte den Hausmeister gerufen, die Tür geöffnet, und bald war auch die Polizei da.

Für Richter und Schöffen wurde schnell klar: Der Fall ist gar nicht ausermittelt. Das Verfahren wird ausgesetzt. Die Polizei erhält den Ermittlungsauftrag, alle Hausbewohner zu befragen und ihnen Lichtbilder vorzulegen, ob sie den wahren Bewohner wiedererkennen. Danach erst gibt es eine neue Verhandlung. Vielleicht kommen die IGS-Schüler dann wieder.

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