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Niedersachsen erlaubt „Mein Kampf“ im Unterricht

Neuauflage Niedersachsen erlaubt „Mein Kampf“ im Unterricht

An diesem Freitag stellt das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine neue und schon vorab viel diskutierte kommentierte Ausgabe der Propagandaschrift „Mein Kampf“ von Adolf Hitler vor. Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hält eine Verwendung von Buchauszügen inklusive Kommentierung im Unterricht der allgemeinbildenden Schulen für möglich und vertretbar, andere Bildungspolitiker empfehlen es sogar. Was sagen Historiker und Lehrer an südniedersächsischen Schulen? Wie gehen Büchereien und der Buchhandel mit der jetzt erlaubten Neuauflage um?

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Göttingen. Wolfgang Vogelsaenger überlegt nicht lange: „Na klar“, sagt der Leiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen und fügt an: „Ich habe ‚Mein Kampf‘ auch bisher schon mit meinen Schülern diskutiert – im Geschichts- und auch im Deutschunterricht.“ So reagieren viele Lehrer an den Schulen im Raum Göttingen-Osterode auf die neue kommentierte Ausgabe des Hitler-Pamphlets und die Überlegung, es auch in der Schule zu verwenden. Aber es gibt auch zögerliche Positionen. Und alle sind überzeugt: Ohne eine ausführliche Einordnung der Hitler-Aussagen ist das Buch tabu.

„Wir können über etwas, was so im Zentrum unserer Geschichte steht, nicht schweigen, erklärt Vogelsaenger weiter. Und nur wenn sich die Schüler einen Überblick verschaffen und Hitlers Worte verstehen, könnten sie auch dagegen argumentieren.

Die Arbeit mit Quellentexten sei heute ein wesentlicher Bestandteil im Geschichtsunterricht, ergänzt der Leiter der Carl-Friedrich-Gauß-Oberschule in Groß Schneen, Jens Haepe. Dabei sollten Schriften Hitlers und anderer Nationalsozialisten nicht anders behandelt werden als andere Texte. Ob und wie intensiv „Mein Kampf“ im Unterricht behandelt wird, hänge aber auch von der Lerngruppe ab.
Auch der Leiter des Göttinger Max-Planck-Gymnasiums, Wolfgang Schimpf, kann sich vorstellen, dass die neue kommentierte Ausgabe im Unterricht „als hilfreiche Handreichung eingesetzt wird – in Auszügen“. Es sei allerdings nicht zu erwarten, dass das Werk ausführlich besprochen wird, dafür gebe es nicht genügend Zeit. Unabhängig davon sei die neue kommentierte Auflage wichtig für die künftige Generationen. Und nur so könne sicher gestellt werden, dass nach der Aufhebung des Urheberrechtes kein neuer „grau-brauner“ Büchermarkt entsteht.

Wie wichtig die Auseinandersetzung mit Hitlers Schriften ist, habe gerade eine Verbeamtungslehrprobe am beruflichen Gymnasium der Berufsbildenden Schulen I in Osterode gezeigt, sagt ihr Leiter Heiko Seemann-Weymar. Das Thema der Unterrichtseinheit: Welche Gefahren bergen sich hinter der Neuveröffentlichung von „Mein Kampf“? Schon im Vorfeld hätten sich Schüler aus dem 12. Jahrgang mit der jetzt erscheinenden Ausgabe befasst. Zu Beginn hätten die meisten Schüler gegen eine Veröffentlichung gestimmt, am Ende waren fast alle dafür. Sie hätten erkannt, dass dieses Werk am besten entmystifiziert werden könne, wenn man sich damit - moderiert und kommentiert - auseinandersetzt.

„Wenn von den Schülern Fragen kommen, können und werden wir nicht ausweichen“, sagt Jutta Schleusener als Fachbereichsleiterin für Geschichte und Politik an der Göttinger Voigt-Realschule. Auch in ihren beiden zehnten Klassen hätten die Schüler aus eigenem Antrieb schon darüber diskutiert, ob „Mein Kampf“ neu veröffentlicht werden darf. Viele hätten das grundsätzlich sehr kritisch gesehen. Schleusener selbst geht davon aus, dass es sicher als Quelle genutzt werden kann, um im Unterricht das Gedankengut Hitlers zu erkennen und zu diskutieren. „Dabei muss aber immer das Vorwort mit einbezogen werden.“ Generell sind sie und ihre Kollegen allerdings davon überzeugt, dass außerschulische Lernorte wie die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora wesentlich geeigneter sind, um die Taten der Nationalsozialisten und diese Zeit der Deutschen Geschichte erfassbar zu machen.

Manche Schulen reagieren verhaltener auf die aktuelle Debatte um „Mein Kampf“ im Unterricht. „Bei uns wird in der Fachschaft darüber sicher diskutiert“, sagt Karin Thiele, Leiterin des Tilmann-Riemenschneider-Gymnasiums in Osterode. Das Kollegium bemühe sich immer, aktuell zu bleiben, „aber mit solider Distanz und nicht unkritisch populär erscheinenden Neuerungen gegenüber“. Auch für das Duderstädter Eichsfeld-Gymnasium ist eine Aussage „noch zu früh“, erklärt Schulleiter Thomas Nebenführ. Bisher kenne er noch nicht einmal die Erlasslage des Ministeriums.

us

Urheberrecht beendet

Bisher durfte Adolf Hitlers Pamphlet „Mein Kampf“ in Deutschland nicht neu aufgelegt werden. Inzwischen ist das Urheberrecht ausgelaufen. Unabhängig davon erfüllt die unkommentierte Verbreitung der Hetzschrift in ihrer Originalfassung oder in Auszügen daraus nach wie vor den Tatbestand der Volksverhetzung.

Vor diesem Hintergrund hat das Institut für Zeitgeschichte jetzt eine sehr ausführlich kommentierte Fassung erstellt. Darin werden Hitlers Behauptungen eingeordnet sowie inkorrekte Aussagen widerlegt.

In Bibliotheken und Buchhandlungen

„Wir werden eine Fassung der kommentierten Ausgabe anschaffen“, sagt Brigitte Krompholz-Röhl, Leiterin der Stadtbibliothek Göttingen. Ein Exemplar gehöre in den Bestand der Bibliothek, es sei ein Beitrag zur Meinungs- und Informationsfreiheit. Wenn das Buch im Schulunterricht genutzt werde, müsse es auch verfügbar sein. „Ich persönlich habe allerdings Bauchschmerzen damit“, sagt sie. Bis das Werk im Regal steht, wird es aber noch ein wenig dauern, der Etat für die Göttinger Büchereien stehe noch nicht fest. Frühestens Ende Januar gebe es Neubestellungen. „Bislang liegt uns auch noch keine Anfrage vor.“

Auch Claudia Wilkening, Leiterin der Bibliothek in Osterode, wird das Buch anschaffen, wenn es als Unterrichtsmaterial verwendet wird. „Bislang haben wir aber noch keine Nachfragen“, sagt auch sie. In der Osteroder Bibliothek liegt auch noch eine Originalausgabe von „Mein Kampf“, allerdings verschlossen im so genannten Giftschrank. Zugang erhält nur, wer ausweislich ein wissenschaftliches Interesse daran hat. „In den vergangenen 25 Jahren ist das drei, vier Mal vorgekommen“, sagt Wilkening.
Auch die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) hat die neue kommentierte Ausgabe bestellt. „Die Bibliothek besitzt aber auch die Erstausgabe und auch Folgeausgaben des Buches ,Mein Kampf῾ “, sagt Silke Glitsch, Pressesprecherin der SUB. Diese könnten von jedem, der einen Nutzerausweis für die Bibliothek hat, in die Lesesäle bestellt und dort unter Aufsicht benutzt werden.

Im Buchhandel wird das Werk am Freitag ebenfalls zu haben sein. Für der Buchhandlung Seseke in Duderstadt hat Annegret Maring ein Exemplar geordert. Sie wolle den Verkauf allerdings nicht forcieren. Aber: „Wenn ein Kunde es nachfragt, habe ich es da“, sagt sie.
In der Göttinger Buchhandlung Calvör wird des Buch nicht im Bestand stehen. Aber: „Ich habe eine Kundenbestellung“, sagt Geschäftsführer Eckart Kohl.

Drei Kundenbestellungen hat die Rosdorfer Buchhändlerin Ursula Barking in ihrem Laden vorliegen. Auch sie will das Buch nicht in ihrem Bestand aufnehmen. „Wer es haben möchte kann es bestellen, es ist dann in der Regel am nächsten Tag da“, sagt sie. Die Buchhändlerin kennt ihre Kunden. „Die drei sind allesamt sehr an der Geschichte interessierte und kritische Kunden und Leser“, sagt sie. Und alle drei seien bereits im fortgeschrittenen Alter.

bib

nachgefragt

... bei Michael Sauer, Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Göttingen

Die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ soll auch im Schulunterricht behandelt werden, was halten Sie davon?
Das Ganze halte ich für eine Gespensterdiskussion, die unnötig viele Wellen geschlagen hat. Natürlich war „Mein Kampf“ bereits Gegenstand des Geschichtsunterrichts. Man hat sich in den Schulen schon lange damit beschäftigt, wenn man die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus erarbeitet hat. Dafür ist „Mein Kampf“ die zentrale Quelle. In Schulbüchern sind Auszüge daraus zu lesen, das ist nicht nur völlig unproblematisch, sondern sogar sinnvoll und notwendig. Es wird sich für die Schulen also kaum etwas ändern.

Durch das Buch wird also kein Interesse für die gefährliche Ideologie geweckt?
Nein. Ich glaube nicht, dass diese Neuausgabe zu einer intensiveren Lektüre führt. Wer unbedingt wollte, konnte „Mein Kampf“ auch früher schon lesen.

Für Schüler welcher Altersklassen ist die Auseinandersetzung mit dem Buch geeignet?
Das ist im niedersächsischen Curriculum für das Fach Geschichte festgelegt –  als Stoff für die zehnte Klassenstufe.

Die Beschäftigung mit dem kompletten Werk ist also für Schüler unproblematisch?
Komplett wird das Buch niemand lesen, weder im Geschichtsunterricht noch außerhalb. Schüler in der zehnten Klasse sind auf jeden Fall dazu in der Lage, mit dem Thema umzugehen – natürlich immer unter der Voraussetzung, dass sie didaktisch begleitet werden. Ich sehe dadurch keine Gefahr einer ideologischen Beeinflussung.

Interview: Britta Bielefeld

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