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„Niet geschoten, altijd mis“

Aus dem Landgericht „Niet geschoten, altijd mis“

Lügen haben kurze Beine, sagt man. Der Volksmund will dem Lügner die Flunkerei sogar an der Nase ansehen. Jedenfalls lässt sich mit dieser Drohung noch mancher Hosenmatz von der Flunkerei abbringen. Von Lukas Breitenbach

Der glaubt aber auch noch, dass Herr Nasemann von einem Mann, der zuvor die Treppe hochgegangen ist, besucht wird. Alles Kinderspaß? Das Göttinger Landgericht unter dem Vorsitz von Richter August-Wilhelm Marahrens meint nein. Die Richter haben den Täter in der Berufungsverhandlung anhand der Nasenspitze, ja dem ganzen Zinken überführt.

Morgen ist es ein Jahr her, da soll der Angeklagte, ein 21 Jahre junger Holländer, einem Kurierfahrer den Rucksack aus dem offenen Fahrzeug gestohlen haben. In dem Rucksack waren Führerschein (der alte, graue Lappen), Personalausweis (neu), der Schlüssel für seinen Privatwagen, Kredit-, EC- und Anwaltskarte (der Kurierfahrer ist ausgebildeter Jurist) und ein bisschen Geld. Das Amtsgericht hatte den jungen Mann bereits im September vergangenen Jahres zu einer Jugendstrafe von zehn Monaten (ausgesetzt zur Bewährung) verurteilt. Ein Urteil, das Staatsanwalt Jörg Mahlmann in seinem Plädo-yer später als „einfach gut und richtig“ adeln wird.

Das sieht Rechtsanwalt Tawfeek Matani ganz anders. Seinen Mandanten habe nämlich niemand dabei beobachten können, wie er den Rucksack aus dem Auto nahm. Alles was die Ankläger in den Händen hätten, seien Fotos von einer Überwachungskamera die einen Jungen zeigen, der mit der EC-Karte des Opfers in unmittelbarer Nähe den Versuch unternimmt, Geld abzuheben. Vergeblich. Drei Mal die falsche Pin, schwupps wird die Karte eingezogen. Auf gut Glück hätte er schlimmstenfalls noch 9997 Versuche gebraucht. Die Kamera hat den Dieb gleich beim ersten Mal abgelichtet, nebst imposantem Riechorgan. Auf dieser Nase fußt schon das Urteil des Amtsgericht.

Der junge Mann bestreitet den Vorwurf aber vehement und schaltet gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt einen Anthropologen ein. Der kommt, so berichtet der Advokat, in einem Vorab-Gutachten zu dem Ergebnis, dass das Bildmaterial der Überwachungskamera „keineswegs geeignet“ sei, um eine Identifizierung durchzuführen. Der Staatsanwalt regt an, dass sich der Angeklagte einmal vor die Strafkammer kniet. Das soll natürlich keine anachronistische Ehrbezeugung werden, nur könne man aus dieser Position die Nase besser beäugen. Matani protestiert und wedelt mit dem Gutachten.

Die Jugendkammer lehnt den Antrag Matanis, das Gutachten einzuholen, ab und verweist auf die eigene Sachkunde und originäre Aufgabe des Tatgerichts, den Täter zu ermitteln. Matani schnaubt. Woher nehme das Gericht denn die Sachkunde. Es handele sich hier immerhin um eine anerkannte Wissenschaft, wo unter anderem auch Erbbiologie eine Rolle spielt. Er, Matani, kann nur einen Antrag stellen und der laute Freispruch. Staatsanwalt Mahlmann möchte dann doch noch zwei Punkte aus dem Vorab-Gutachten zitieren, die der Verteidiger seiner Meinung nach unterschlagen habe. Zum einen räume auch der Anthropologe eine Ähnlichkeit ein und meint, dass eine Übereinstimmung „nicht ausgeschlossen werden kann“. Mahlmann hegt jedenfalls „nicht den geringsten Zweifel“ daran, dass der Holländer der Täter ist und beantragt die Berufung zu verwerfen. Das sieht auch die Kammer so. Die zehn Monate „sind wahrlich kein Horrorurteil“, befindet Marahrens. Man habe aber die Bewährungszeit um ein Jahr verlängert und weitere 100 Arbeitsstunden aufgegeben. Das Urteil ist rechtskräftig.

Damit ist die Sache aber noch nicht für Rechtsanwalt Matani vorbei. Er kündigte noch im Gericht Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe an. „Niet geschoten, altijd mis“, wie der Holländer sagt – „Nicht geschossen ist immer daneben“, also wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Eben. Waar een wil is is een weg. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

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