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Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) mit Feierstunde verabschiedet

„Ich bereue keine einzige Sekunde“ Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) mit Feierstunde verabschiedet

Nach acht Jahren als Oberbürgermeister ist Wolfgang Meyer (SPD) am Montagabend mit einer entspannten Feierstunde mit Rockmusik von den Rathaus-Rockern verabschiedet worden.

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Oberbürgermeister Wolfgang Meyer und sein Nachfolger Rolf-Georg Köhler.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Es war eine wunderbare Zeit“, sagte Meyer. „Es ist aber auch ein Knochenjob, deshalb gehe ich jetzt in den Ruhestand.“ Seinem Nachfolger Rolf-Georg Köhler (SPD) wünschte der 66-Jährige ein „glückliches Händchen“. „Mach was Gutes daraus, ich beobachte dich.“

Der im Mai direkt gewählte Köhler, bisher Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, tritt sein Amt am 1. November an. Meyer, zuvor Richter und und Fraktionschef im Stadtrat, arbeitete seit 1991 als Rechtsdezernent für die Stadtverwaltung. 2006 wurde er mit großem Vorsprung zum Oberbürgermeister gewählt.

OB zu werden, sei nicht sein Plan gewesen, sagte Meyer vor rund 800 geladenen Gästen im Westflügel der Lokhalle. „Ich bereue keine einzige Sekunde.“ Chef einer so toleranten, weltoffenen Stadt mit tollen Bürgern zu sein, mache auch Spaß, so der scheidende Verwaltungschef. Auch wenn die Bürger ab und an „zum Nörgeln“ neigten. „Ich muss ein toller OB gewesen sein“, merkte Meyer spöttisch zu seinen Vorrednern an, die so „wunderbar übertrieben“ hätten. „Aber ehrlich gesagt, ich höre es ganz gerne.“

„Beherzt“ die wenigen Chancen ergriffen

Der Göttinger Abgeordnete und SPD-Fraktionschef im Bundestag, Thomas Oppermann, zog eine Erfolgsbilanz der letzten acht Jahre. Meyer habe keine leichte Aufgabe übernommen. Die Arbeitslosigkeit habe 2006 bei 15,8 Prozent gelegen und die Beschäftigtenzahl auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren.

Der Schuldenberg sei auf mehr als 200 Millionen Euro gewachsen. Jetzt liege die Arbeitslosenquote bei 7,8 Prozent. Meyer habe „beherzt“ die wenigen Chancen ergriffen. Er habe mit dem Konjunkturprogramm des Bundes eine große Lösung für die Godehardhalle angepackt und im Zukunftsvertrag mit Entschuldung die Chance für einen „Befreiungsschlag“ gesehen. Es habe auch aus Reihen der SPD starke Kritik gegeben, so Oppermann. „Meyer hat an seinem Kurs festgehalten.“ Für ihn sei er ein „Fels in der Brandung“ gewesen. Kommunalpolitik müsse jetzt nicht mehr zu Lasten kommender Generationen gemacht werden.

Bürgermeister Ulrich Holefleisch (Grüne) lobte die Zusammenarbeit mit Meyer, auch wenn er von ihm schon einmal als „Nervensäge“ bezeichnete worden sei. Fairness, Gerechtigkeitssinn und die Suche nach Kompromissen hätten Meyer ausgezeichnet, sagte Bürgermeister Wolfgang Gerhardy (CDU). „Du hast uns acht Jahre gut regiert.“

► Kommentar: Ein gutes Zeugnis

Die Leistung eines Menschen wird immer vom Ende her beurteilt. So einfach ist das. Für Wolfgang Meyer fällt das Zeugnis seiner acht Jahre an der Spitze der Stadt allein schon aus diesem Grund gut aus. Im letzten Drittel seiner OB-Zeit hat er den Zukunftsvertrag mit dem Land auf den Weg gebracht und Göttingen somit nachhaltig „entschuldet“ sowie den Jahrzehnte festgezurrten Knoten mit dem Landkreis über die Finanzausstattung gelöst.

Er hat das Groner Tor kurz vor Toresschluss mit aller Macht angeschoben und bei den Themen Klimaschutz und Integration die Stadt in eine Vorreiterrolle gebracht. Die Modernisierung der Fußgängerzone und die Güterverkehrszentren stehen auf der Haben-Seite seiner acht Jahre. Eine gute Bilanz. Viel mehr, als die „Insider“ im Jahr 2006 erwartet haben. Immerhin habe Meyer für seinen Amtsvorgänger den „Eindruck eines halbgeöffneten Kühlschranks“ vermittelt, so ein überliefertes Zitat von Jürgen Danielowski.

Ja, mag sein. Meyer ist nicht der Strahlemann, der charismatische Macher, der mit seiner Präsenz und Ausstrahlung die Themen bestimmt. Er wirkt etwas technokratisch, vielleicht auch ein bisschen steif. In der Sache ist er aber unnachgiebig geblieben. Es ging ihm immer um das Wohl „seiner Stadt“. Natürlich gehören auch Malus-Punkte zu seiner Amtszeit. Diskussionen um Fußmatten oder Rundbänke waren unnötig wie der berühmte Kropf. Aber auch bei wichtigen Themen bleiben Fragezeichen, die erst nach dem Ende seiner Amtszeit aufgelöst werden können.

Die energiepolitische Haltung mit eigenen Stadtwerken und dem jetzigen Rückkauf der EAM ist so ein Thema. Oder aber das Groner Tor, das für seinen Nachfolger Rolf-Georg Köhler eine große Baustelle bleiben wird. Meyer hat es auch nicht geschafft, die Wohnungsprobleme in der Stadt auch nur ansatzweise anzugehen. Wäre beim Bau der heutigen „S-Arena“ nicht auch ein noch größerer Wurf möglich gewesen?

Wie kann es sein, dass das Wohnzimmer der Stadt, der Marktplatz am Gänselieselbrunnen, für Feste und Feiern quasi eine Tabuzone ist? Diese Fragen müssen gestattet sein, auch wenn es in diesen Tagen um einen verdienten Abschied in den Ruhestand geht. Die Leistungsbilanz des scheidenden Oberbürgermeisters strahlt zum Ende hin. Und das ist auch gut so, schließlich schafft dies nicht jedes Stadtoberhaupt. Seine acht Jahre gehen wohl nicht als Glanzjahre in die Stadtgeschichte ein. Aber Wolfgang Meyer war ein guter OB.

Von Uwe Graells

Den Autor erreichen Sie unter redaktion@goettinger-tageblatt.de

 

Fotos von der Verabschiedung von Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer. © Hinzmann

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