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Organspende-Prozess: Staatsanwaltschaft will Haft für Chirurgen

Einzelstrafen von jeweils bis zu drei Jahren Organspende-Prozess: Staatsanwaltschaft will Haft für Chirurgen

Für acht Jahre soll der 47 Jahre alte Göttinger Leberchirurg ins Gefängnis. Gegen ihn soll außerdem ein lebenslanges Berufsverbot verhängt werden. Das hat die Staatsanwaltschaft am 62. Verhandlungstag des Transplantations-Prozesses vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts beantragt.

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Quelle: Pförtner/dpa

Göttingen. Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff hält den Angeklagten in allen 14 Fällen für schuldig. Er habe sich in elf Fällen des versuchten Totschlags sowie in drei Fällen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht. Wolff beantragte, den Haftbefehl wieder inkraft zu setzen.

In dem mehr als sechsstündigen Plädoyer, das vielfach durch Proteste von Angeklagtem und Verteidigern unterbrochen wurde, zeigte die Anklagevertreterin im Detail auf, was die seit 19. August 2013 dauernde Hauptverhandlung aus ihrer Sicht erbracht habe. 101 Zeugen und neun Sachverständige waren gehört worden. Aus Wolffs Sicht haben die Zeugen die Vorwürfe bestätigt. Das Gesamtbild ergebe, dass der Angeklage vorsätzlich und aus einem Bündel von Motiven („Geltungsdrang, Anerkennung, Macht, finanzielles Interesse“)  gehandelt habe. Er habe den Patientenwillen „systematisch manipuliert“ und damit „das Vertrauen in das Organvergabeverfahren nachhaltig erschüttert“. Dahinter habe der Willen gestanden, „Herr über Leben und Tod zu sein“. Begünstigt worden sei das durch ein System, das die Lebertransplantation in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) als abgeschotteten Zirkel geduldet habe und das mit einem Bonussystem Anreiz für unnötige Transplantationen geschaffen habe.

Im einzelnen führte die Oberstaatsanwältin Gutachten und Zeugenaussagen in den elf Fällen versuchten Totschlags und in drei Fällen fehlender Indikation zu einer Transplantation auf. In den Indikationsfällen, die sie mit jeweils dreieinhalb bis vier Jahren bestraft sehen will, habe der Angeklagte ohne medizinische Notwendigkeit transplantiert und dabei die Patienten nicht über Risiken aufgeklärt. Die Einwilligungsformulare nannte sie „ein Feigenblatt“. In Wahrheit sei „im Zusammenwirken mit dem Chefarzt der Gastroenterologie ein System für möglichst viele Transplantationen“ geschaffen worden. Die drei Patienten waren teils stabil, als sie überraschend ein Spenderorgan erhielten, teils hätten sie gar nicht operiert werden dürfen. Diese Patienten starben nach dem Eingriff oder nach Retransplantationen.

In den elf Fällen, in denen gegenüber Eurotransplant falsche Angaben gemacht wurden, hält es die Anklage für erwiesen, dass einzig der Angeklagte die Verantwortung dafür trage. Eigene Patienten durch Falschmeldungen zu bevorzugen, sei deshalb versuchter Totschlag, weil „Wartelistenpatienten das rettende Organ weggenommen“ werde. Diese seien dadurch in Todesgefahr gebracht worden. Wolff: „Wer sich an die Regel hielt, war der Dumme“ – „oder tot“, konterte Verteidiger Steffen Stern. Er plädiert am Mittwoch.

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