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„Grüße aus Göttingen, Grüße nach Göttingen“

Orsolya Láng ist Stadtschreiberin „Grüße aus Göttingen, Grüße nach Göttingen“

Als Stadtschreiberin weilt Orsolya Láng in Göttingen. Vier Wochen lang wird sie für und über die Stadt schreiben – gerichtet an Göttinger und an Menschen in der Heimat der jungen Künstlerin, Budapest. Dabei macht Lang den Auftakt in einem Programm, das als Journalistenstipendium langfristig bestehen soll.

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Orsolya Láng

Quelle: Arne Bänsch

Göttingen, Göttingen. Beim Spaziergang im Alten Botanischen Garten bleibt Lángs Blick an zwei Mädchen heften: Inmitten der allmählich verwelkenden Blumen sitzen sie auf Steinen, eingekleidet in ebenso grelle wie dicke Winterjacken, und porträtieren sich gegenseitig. Vielleicht empfindet die 29-jährige Künstlerin so etwas wie eine geistige Verwandtschaft. Vielleicht ist es aber auch nur ein Sinnbild für Lángs Ersteindruck, den sie nach wenigen Tagen in Göttingen gewonnen hat: „Die Leute hier sind so entspannt“, sagt Láng, die zuletzt in der trubeligen Donaumetropole Budapest gelebt hat.

„Ich habe eigentlich nicht gedacht, dass ich mal in Göttingen lande“, erzählt die junge Frau, die im rumänischen Siebenbürgen aufgewachsen ist. Denn Göttingen war für Láng vor allem ein „exotischer Ort“, weil in der Familie oft über das Studium des Großvaters in der südniedersächsischen Universitätsstadt gesprochen wurde. Láng kennt deshalb die Namen zahlreicher Schüler des berühmten Mathematikers Carl Friedrich Gauß - viel mehr wusste sie über Göttingen nicht, als sie sich für das Stadtschreiberprogramm bewarb.

Studium in Budapest

Dabei ist es nicht Lángs erster Aufenthalt in Deutschland: Ein Jahr ihrer Jugend verbrachte sie in Berlin, spricht deshalb fast fließend Deutsch. Als es um die Wahl des Studienorts ging, nahm sie Deutschland trotzdem nicht wieder ins Visier. Stattdessen ging sie nach Ungarn, um in Budapest filmische Kunst und später Animationsfilm zu studieren. Mittlerweile liegt das hinter ihr, mehrere Kurz- und Kunstfilme hat sie seitdem gedreht.

Zugleich sieht die zierliche Frau mit den wach-blitzenden Augen im Film eigentlich nur eine von vielen Arten, Beobachtungen auszudrücken: „Man muss eine Geschichte haben, egal ob für einen Film, ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte“, findet Láng, die selbst schon mehrere Bücher mit Prosa und Lyrik sowie zahlreiche Zeichnungen veröffentlich hat.

Das Thema ihres Göttingen-Aufenthalts steht jedenfalls schon fest: Um den Europäischen Zusammenhalt wird es im weiteren Sinne gehen, erzählt Láng. Denn in den vergangenen Jahren hat sich Ungarn ihrer Meinung nach stark verändert: „Mittlerweile sind sich in Ungarn nicht mehr alle sicher, ob EU und Europa eine gute Idee sind“, sagt sich angesichts des an der Donau grassierenden Rechtspopulismus.

Rechtspopulistisches Crescendo

Dabei hat sie sich selber lange nicht für Politik interessiert - bis sich die Stimmung in Ungar spürbar wandelte: „Auf einmal bist du Homo Politicus, wenn du darüber nachdenkst ob du nun bei Ungarn oder bei Ausländern einkaufst“. Und nach einer längeren Denkpause, bricht ein regelrechter Wortschwall aus ihr heraus: Sie ärgere, dass unabhängige Medien in Ungarn heutzutage ums Überleben kämpfen müssten, sagt sie angesichts jüngst erlassener Mediengesetze, die auch die EU-Kommission kritisiert hatte. Sorgen bereitet ihr auch der Druck, den die Regierung auf oppositionelle Vereine und die Zivilgesellschaft ausübt. „Dieses Crescendo macht mir Angst, und das wird stärker und stärker“, sagt sie angesichts der ablehnenden Haltung der ungarischen Regierung gegenüber Flüchtlingen und Muslimen.

„Hätte ich Einfluss, wäre ich auf der Seite Deutschlands“, sagt sie schließlich über den europaweiten Streit über die Verteilung von Flüchtlingen, bei dem Ungarn und Deutschland über Kreuz liegen. Doch das schränkt sie sofort wieder ein: „Nichts ist Schwarz und Weiß, die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen den Positionen“. Doch dafür brauche es Verständnis, wofür sie nicht zuletzt mit ihrem Göttingen-Aufenthalt werben will. „In Ungarn auf den Dörfern kennen die Menschen keine Flüchtlinge“, erzählt sie, während der Spaziergang in die belebte Fußgängerzone führt - wo sie schnell feststellt, dass das hier „ganz anders“ sei.

Göttingen als Klein-Europa

„Vielleicht kann Göttingen als Stadt mit so vielen Menschen aus so vielen Ländern ja Antworten auf die Frage geben, wie Europa aussehen sollte“, grübelt Lang. Doch obwohl sie über ihre Erfahrungen in Deutschland auch auf ungarisch schreiben will, ist sie viel zu bescheiden um sich als Aktivistin oder Politikerin zu begreifen: „Ich hoffe, dass ich etwas ändern kann. Aber ich glaube, dafür bin ich zu unbedeutend“, sagt die Künstlerin sichtlich bedrückt. Wobei ihrer Meinung nach Intellektuelle in Ungarn ohnehin keinen Einfluss auf die Politik haben.

Allerdings will die junge Stadtschreiberin nicht nur für die Menschen in Ungarn schreiben, sondern auch für Göttinger. Und während ihre Erkundungstouren sie unter anderem in Kultureinrichtungen, Forschungsinstitute und Museen führen werden, steht für sie eines schon fest: „Die Fachwerkhäuser der Altstadt sind wie ein Schmuckkasten. Und eine perfekte Kulisse für Weihnachtsmärkte.“

Auf ihrem Blog stellt sich die Stadtschreiberin selbst vor. https://www.goethe.de/ins/de/de/kur/ort/goe/bsg/21100740.html

Anne Moldenhauer

Anne Moldenhauer

Quelle: r

Was ist das Stadtschreiber-Projekt? Anne Moldenhauer und Ulrike Hofmann-Steinmetz im Interview

Das Stadtschreiber-

Ulrike Hofmann-Steinmetz

Ulrike Hofmann-Steinmetz

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Projekt ist auf Initiative des Goethe-Instituts und des KAZ entstanden. Was die beiden Einrichtungen damit erreichen wollen, erklären Ulrike Hofmann-Steinmetz vom Goethe-Institut und Anne Moldenhauer vom KAZ.

Tageblatt: Was sollen die Aufgaben der neuen Stadtschreiber sein?

Hofmann-Steinmetz: Stadtschreiber lernen unsere Stadt mit einer bewusst gewählten Fremdperspektive kennen. Sie kommen für eine bestimmte Zeit aus dem Ausland mit dem Auftrag, sich umzutun und die uns vertraute Umgebung neu zu entdecken. Sie beobachten uns Bekanntes mit anderen Augen, stellen Fragen, vergleichen und reflektieren darüber, was in Texte und Bilder einfließen soll.

Moldenhauer: Der Projektname lautet „Grüße aus Göttingen, Grüße nach Göttingen“, durch eine Berichterstattung online sollen die Beobachtungen und Gedanken der Stadtschreiberin auch außerhalb von Göttingen publiziert werden und so die Stadt international noch bekannter machen.

Tageblatt: Auswärtige Künstler, die das Leben in Göttingen beschreiben - wie kann Ihrer Meinung nach die Stadt davon profitieren?

Hofmann-Steinmetz: Die Stadt hat die Chance, in Dialog mit sich selbst zu treten, dank der kreativen Auseinandersetzung durch den ‚Neuankömmling’.

Tageblatt: Und was hat die hiesige Kunst- und Kulturszene davon?

Hofmann-Steinmetz: Wir stellen zahlreiche Kontakte zwischen der Stadtschreiberin und Göttinger Akteuren her. Davon erhoffen wir uns Impulse, die idealerweise in nachhaltige Kontakte zwischen ‚hier’ und ‚dort’ münden.

Moldenhauer: Oder zu neuen Sichtweisen auf die eigene Institution.

Tageblatt: Soll das Stadtschreiberprojekt langfristig in Göttingen verankert werden?

Hofmann-Steinmetz: Wir werden sehen. Es handelt sich um ein Pilotprojekt und KAZ und Goethe-Institut müssen sehen, ob sich genügend Partner finden, die substanziell mitmachen- auch finanziell. Dieses Jahr hat es nur geklappt, weil wir eine Förderung von KUNST e.V. bekommen haben. Es wurden Mittel für Projekte rund um das Thema ‚Europa’ zur Verfügung gestellt. Wir denken, in diesem Projekt liegt eine große Chance- wir sollten sie uns nicht entgehen lassen.

Moldenhauer: Die Bereitschaft der Stadt Göttingen, der Universität, des Literarischen Zentrums und natürlich des Göttinger Tageblatts, als Kooperationspartner das Projekt zu unterstützen, ist auf jeden Fall eine gute Ausgangslage für eine Fortführung.

Das Stadtschreiber-Programm

wollen KAZ und Goethe-Institut jungen auswärtigen Künstlern die Möglichkeit geben, das Leben in Göttingen zu reflektieren. Das Pilotprojekt umfasst einen vierwöchigen Aufenthalt, zu dem auch ein Deutschkurs im Goethe-Institut gehört. Im Vordergrund steht der Vergleich des städtischen Lebens, besonders der Zivilgesellschaft, in Göttingen und dem Heimatort der Künstler. Für Orsolya Láng bedeutet das, d ass sie in den kommenden Wochen zahlreiche Göttinger kennenlernen wird – unter anderem an der Universität, in Kultureinrichtungen und aus der Politik. Partner bei dem Pilotvorhaben sind die Stadt Göttingen, die Universität, das Literarische Zentrum und das Goethe-Institut Budapest. Auch das Tageblatt ist beteiligt: Mit Lángs Eindrücken werden sich die Leser in den kommenden Wochen häufiger beschäftigen können.

Von Christoph Höland

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