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Peinlich genaue Glaubenserforschung

Beweggründe für Abkehr Peinlich genaue Glaubenserforschung

Kurz vor dem „Vater unser“ beginnt das Publikum zu murren: „peinlich“ oder „entwürdigend“ grummeln die zahlreichen Zuhörer der Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht. Gerade hat Richterin Christiane Habermann die Klägerin gefragt, was sie denn so bete, und die hat geantwortet: „...unser täglich Brot gibt uns heute.“ Das vollständige Gebet als Glaubensbeweis aufzusagen, bleibt der 44 Jahre alten Asylbewerberin Mahtaj Ramazani dann doch erspart.

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Schildert vor Gericht ihre Glaubensmotive: getaufte Iranerin Mahtaj Ramazani.

Quelle: Gückel

Göttingen/Adelebsen.. Die abgelehnte Asylbewerberin, die vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert ist (Tageblatt berichtete), musste gestern in einer umfangreichen Glaubenserforschung die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels nachweisen. Nur wenn glaubhaft ist, dass sie nicht nur deshalb konvertierte, weil sie sich vor einer Abschiebung in den Iran habe schützen wollen, hat ihr neuer Asylantrag eine Chance. Denn wer vom Islam abfällt, dem droht im Iran die Todesstrafe.

Vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte die Adelebserin nicht überzeugt. Gestern schilderte sie nun, wie sie etwa 2006 erstmals in Göttingen in eine offene Kirche ging, um eine Kerze für ihre verstorbene Mutter anzuzünden. Sie habe damals ein schlechtes Gewissen gehabt, die Mutter allein im Iran gelassen zu haben. In der Kirche habe sie die beruhigende Atmosphäre genossen. Sie sei dann auch in Adelebsen in die Kirche gegangen oder auf christliche Friedhöfe.

Pastor Hartmud Plath bestätigt als Zeuge, dass die Iranerin über zwei, drei Jahre bereits regelmäßig im Gottesdienst war, ehe sie sich 2009 habe taufen lassen. „Ich hatte die Überzeugung, dass es ihr ein Anliegen war“, sagt er und betont: „Es ist biblisches Verständnis, dass die Belehrung über den Glauben der Taufe erst folgt, nicht andersherum.“ Damit erklärt er, warum von einer Konvertitin kein Katechismuswissen abverlangt werden könne.

Auch der Schwiegersohn wird als Zeuge gehört. Er bestätigt, dass der im Iran lebende geschiedene Ehemann der Frau nach der Scheidung mit dem Tode gedroht und angekündigt habe, „sie zu vernichten“. Dass sie Christin geworden ist, weiß er aus den Scheidungspapieren. Ihre Befürchtung ist, dass er es den Behörden meldet. Auch der Schwiegersohn habe deshalb mit ihm, der auch sein Onkel ist, gebrochen. Der Onkel habe schon lange vor der Scheidung eine zweite Frau geheiratet.

Dazu passt die Antwort auf die Frage, was ihr am Islam missfallen habe, so dass sie konvertiert sei: „Im Islam haben Frauen überhaupt keine Rechte. Sie werden unterdrückt.“ Und was schätze sie am Christentum? „Ich mag es sehr, dass alle miteinander verbunden sind und nicht gelogen wird.“ Das Urteil, das über Asyl und Abschiebeschutz für die 44-Jährige entscheidet, wird binnen 14 Tagen ergehen.

Von Jürgen Gückel

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„Gehen mit Taufe sehr sorgfältig um“

Der Fall der 44 Jahre alten Iranerin Mahtaj Ramazani, die trotz ihres Übertritts zum christlichen Glauben in den Iran abgeschoben werden soll (Tageblatt berichtete), hat viele Leser bewegt. Am Montag erhielt der Adelebsener Pastor Hartmud Plath, dessen Zeugnis für die konvertierte Christin von den Asylbehörden nicht anerkannt wurde, zahlreichen Zuspruch von Gemeindemitgliedern, aber auch aus Göttingen.

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