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Peinliche Entgleisung vor Gericht

Aus dem Amtsgericht Peinliche Entgleisung vor Gericht

Drei Jahre hat es gedauert, um die vier Angeklagten im Alter zwischen 23 und 27 Jahren vor Gericht zu stellen. Der Vorwurf: gemeinschaftlich begangene Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung. Es war an einem Abend im September 2007, als die vier Kasseler das erträgliche Benehmen überschritten haben und es zu einem Handgemenge in einer Göttinger Diskothek kam.

Die beiden Türsteher, die die Vier vor die Tür setzen wollten, sollen dann von der Gruppe, zum Teil mit Messern, angegriffen worden sein.

Dieses zu relativieren haben sich die vier beigeordneten Pflichtverteidiger zur Aufgaben gemacht, woran sie sichtlich Vergnügen haben. Zwei der Angeklagten hatten, bevor es zu dem folgenschweren Gemenge kam, noch gewarnt, dass sie zur UÇK (Befreiungsarmee des Kosovo) gehören würden. Die UÇK war die paramilitärische Organisation, die in bewaffnetem Kampf die Unabhängigkeit des Kosovo herbeiführen wollte. Zwischen 1996 und 1998 bekannte sich die UÇK zu 21 Mordanschlägen. Dass der Frankfurter Rechtsanwalt Nikolaus Krebsbach-Noske, der den Hauptangeklagten verteidigt, die UÇK als „stinknormale Partei, wie die CSU“ darstellt, kann man nur als groben Unfug bezeichnen. Eine peinliche Entgleisung ist der Vergleich allemal. Seine Frau, ebenfalls einem Angeklagten als Verteidigerin beigeordnet, kann sich dennoch darüber amüsieren und kichert fortan bei jeder Erwähnung der UÇK albern vor sich hin. Von den Angeklagten, die nahezu ununterbrochen herumfeixten, ist ohnehin nichts anderes zu erwarten. Sie äußern sich im Verfahren nicht. Jedenfalls nicht mit Worten. Die Zeugenaussage eines Türstehers soll einer der Angeklagten mit dem erhobenen Mittelfinger kommentiert haben. „Was soll denn das?“, ärgert sich der Zeuge. Den Richtern ist die versteckte Handbewegung entgangen. Die Stimmung droht zu kippen, es wird laut im Verhandlungssaal.
Die Verteidiger setzen ihre penible Befragung fort, stellen jede Ungereimtheit in den Aussagen betont heraus. Nach der langen Zeit, die verstrichen ist, ist das keine schwierige Aufgabe. Angeklagte und Verteidiger wirken selbstsicher. Dass Frau Rechtsanwältin Krebsbach dann von einem der Türsteher rhetorisch ausgebremst wird, darf man als Höhepunkt der Zeugenvernehmung betrachten.

Doch wird schnell klar, dass die Sicherheit, in der sich die Gemeinschaft der Angeklagten wiegt, nicht unberechtigt ist. Zu viel Zeit ist vergangen, eine valide Rekonstruktion des Abends ist unmöglich, ein belastbares Urteil zu fällen ausgeschlossen. Dass die Angeklagten, „in welcher Form auch immer“ (Krebsbach-Noske), in einen Streit verwickelt waren, sei ebenso nicht von der Hand zu weisen. Hinter verschlossener Tür einigt man sich darauf, die Verfahren gegen drei der Angeklagten mit Blick auf ältere Urteile (wegen Körperverletzung, Raub, Betäubungsmittelhandel und -missbrauch) einzustellen. Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten wird gegen Auflage ebenfalls eingestellt. Er muss 100 Arbeitsstunden ableisten und 250 Euro an einen gemeinnützigen Verein zahlen. Auf dem Weg nach draußen ruft einer der Angeklagten den Türstehern noch lachend zu: „Ich hab’ euch doch gesagt, dass ich nichts gemacht habe.“

Vor zwei Jahren hätte dieses Verfahren sicherlich einen anderen Ausgang genommen. Recht reift mit der Zeit eben nicht.

Von Lukas Breitenbach

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