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Pleite der Göttinger Gruppe beschäftigt Gerichte

Über eine Milliarde Euro weg? Pleite der Göttinger Gruppe beschäftigt Gerichte

Am 14. Juni 1997 feiert der Finanzkonzern „Göttinger Gruppe“ seinen größten Marketing-Erfolg: Der VfB Stuttgart gewinnt das DFB-Pokalfinale gegen Energie Cottbus.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Millionen Zuschauer sehen auf den Siegertrikots das Logo des Göttinger Unternehmens, dem damaligen Hauptsponsor des Fußballclubs. Auf den Tag genau zehn Jahre später ist der Konzern am Ende: Am 14. Juni 2007 eröffnet das Amtsgericht Göttingen das Insolvenzverfahren über die Hauptgesellschaft Securenta AG. Die Firmenpleite ist eine der größten Anlageskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte – und eine gigantische Herausforderung für die Justiz: Zehn Jahre danach sind immer noch mehrere tausend Anlegerklagen beim Landgericht Göttingen anhängig.

Rund 270.000 Anleger hatten auf die Anlagemodelle der Gesellschaft vertraut und Verträge über atypische stille Beteiligungen zur Altersvorsorge abgeschlossen. Insgesamt soll der auf dem grauen Kapitalmarkt agierende Konzern eine Milliarde Euro eingesammelt haben. Die als „Pensions-Spar-Plan“ oder „Secu-Rente“ deklarierten Verträge erschienen als attraktiv, weil die Anleger Verluste bei den Beteiligungen steuerlich geltend machen konnten.

Gleichzeitig hafteten die stillen Gesellschafter aber auch für die Risiken des Unternehmens. Schon Mitte der 1990-er Jahre warnten Finanzexperten vor dem angeblichen „Schneeballsystem“ – hierüber wird bis heute unter den Juristen gestritten - und monierten die undurchsichtigen Strukturen und Beteiligungen. So wurde  auch der Einstieg beim Fußballclub Tennis Borussia Berlin zum Desaster: Medienangaben zufolge  sponserte der Konzern rund 80 Millionen Mark, der Verein musste dennoch im Jahre Insolvenz anmelden und verlor seine Bundesliga-Lizenz.

2005 entschied der Bundesgerichtshof, dass Securenta-Anleger ihre Verträge kündigen konnten. Zahlreiche Anleger klagten daraufhin auf Rückzahlung. 45 Konkursanträge konnten die Finanzjongleure in letzter Minute abwenden, der 46. Antrag eines Bonner Anlegers brachte das endgültige Aus.

Als Insolvenzverwalter wurde die Kanzlei Rattunde in Berlin eingesetzt. Dort ist man immer noch mit der Prüfung der Gläubigeransprüche beschäftigt. Nach Angaben einer Sprecherin wurden insgesamt rund 70.000 Forderungen über eine Gesamtsumme von 1,2 Milliarden Euro angemeldet. Da nur solche Beträge festgestellt werden, die auch tatsächlich gezahlt wurden, dürfte voraussichtlich etwa die Hälfte in die Insolvenztabelle aufgenommen werden.

Am meisten hat das Landgericht Göttingen mit den Folgen der Pleite zu kämpfen. Dort gingen mehr als 10.000 Klagen von Anlegern gegen diverse Manager der Göttinger Gruppe sowie Beratungsgesellschaften und Wirtschaftsprüfer ein. Um die Klageflut bewältigen zu können, musste das Gericht riesige Mengen an Papier und Aktenordnern, teure Hochleistungsdrucker und Schwerlastregale für die mehr als 60 Tonnen schweren Aktenberge beschaffen. Drei Zivilkammern arbeiten in mühsamer Sisyphusarbeit die Verfahren ab, meist verhandeln sie mehrere Dutzend Fälle an einem Tag. Kürzlich lehnte beispielsweise eine Zivilkammer unter dem Vorsitz von Richter Matthias Koller insgesamt 77 Klagen wegen Verjährung ab.

Die meisten Kläger werden von einer Anwaltskanzlei in Jena vertreten. Für diese ist die Firmenpleite weiterhin ein einträgliches Geschäft. Inzwischen haben 300 Anleger Berufung vor dem Oberlandesgericht Braunschweig eingelegt. „Wir sind auf 5000 Fälle eingestellt“, sagt OLG-Sprecher Michael Schulte. Auch in zweiter Instanz sind die Erfolgsaussichten der Kläger gering. Der Zivilsenat hat bereits mehrfach den Hinweis erteilt, dass er beabsichtigt, die Berufung zurückzuweisen.

 Von Heidi Niemann

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