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Plötzlich dunkel: Statt Laternen leuchten Sterne

Die erste Nacht ohne Licht in Nikolausberg Plötzlich dunkel: Statt Laternen leuchten Sterne

Die Kirchturmuhr schlägt, es ist Mitternacht. Dann wird es schlagartig dunkel – rund um die Kirche, in allen Straßen und in allen Gassen. Die Männer um Wirt Joachim Hillmann vor dem Klosterkrug grölen auf, heben ihr Bierglas, einer ruft „Prost Neujahr“.

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Kurz vor Mitternacht: Die Laterne vor dem Klosterkrug in Nikolausberg leuchtet noch. Einige Minuten später geht sie aus.

Quelle: AFU

Aber statt Raketen glitzern nur die Sterne über dem Bergdorf und statt Böllerlärm hört man nichts. Es ist ganz still an diesem Mittwochabend kurz nach Mitternacht. Die Nacht, in der in Nikolausberg und in sieben anderen Göttinger Ortsteilen erstmals die Straßenlaternen abgeschaltet werden.

Die finanzschwache Stadt Göttingen muss ihre Ausgaben reduzieren, seit Mitte dieser Woche spart sie Stromgeld: In den kleineren Ortsteilen werden von 0 bis 4 Uhr die Straßenlaternen ausgeschaltet, nur Fußgängerüberwege bleiben erleuchtet. Gastwirt Hillmann ist darüber nicht gerade begeistert. Seit 36 Jahren führt er den Klosterkrug. Die Gäste werden seit Jahren ohnehin schon weniger – und mit der Finsternis ab Mitternacht „gehen die Älteren sicher noch früher nach Hause“, fürchtet er. „1 Uhr wäre okay“, fügt er an, schließlich komme auch der letzte Bus erst kurz vor Mitternacht in Nikolausberg an. Ansonsten nimmt er die Stromspar-Aktion humorvoll: „Ich hab‘ überlegt, Taschenlampen zu kaufen – leihweise für den Heimweg.“ Das begeistert auch die lustige Runde am großen Fenstertisch, der Hillmann „die letzte Lichtrunde heute“ anbietet. Die Männer aus dem Sportverein haben aber teilweise selbst schon vorgesorgt: Einer von ihnen dreht lachend an seiner Dynamo-Taschenlampe.

André Pastor kann die Aufregung nicht verstehen. „Ich finde das positiv. Ist doch quatsch, dass die ganze Nacht das Licht brennt“, sagt der 36-Jährige. Ihn würden die Laternen sogar stören, weil sie nachts in sein Schlafzimmer leuchteten. „Wir sind früher auch gut ohne Laternen ausgekommen“, erinnert sich Harald Schubert an seine jungen Jahre, als es keine Straßenbeleuchtung gab. Ältere Menschen könnten auf den dunklen Straßen aber durchaus Probleme bekommen, sagt der 67-Jährige – vor allem in engen Gassen oder an steilen Stellen. Vor steigender Kriminalität aber habe er keine Angst, da stimmen ihm auch die anderen Männer aus der Runde zu.


So finster, wie viele fürchten, ist es kurz nach Mitternacht auf den Straßen in Nikolausberg tatsächlich nicht. Irgendwo brennt immer ein Licht, die Sterne scheinen kräftiger zu leuchten als sonst und über der Göttinger Kernstadt ist der Himmel fast hell. Nur die kleinen Gassen und einige Straßen im Neubaugebiet sind beängstigend finster. Unterwegs ist um diese Zeit allerdings auch kein Mensch mehr.

Von Ulrich Schubert und Andreas Fuhrmann

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Gut, ein wenig mulmig kann einem im Dunkeln werden. Aber Finsternis im Dorf kann auch Gutes und Verbindendes haben: zum Beispiel ein romantischer und auch sichtbarer Sternenhimmel, ein weiterer Anlass für gemeinsame statt einsame Runden mit dem Hund, nachbarschaftliche Fahrdienste für Senioren nach dem Kneipenbesuch.

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