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Polytoxikoman und multimediziert

Aus dem Amtsgericht Polytoxikoman und multimediziert

Es sind gleich vier Anklageschriften, die der Staatsanwalt vorlesen muss. Die Bilanz: Zweimal Diebstahl (zwei MP3-Player für 51,98 Euro und sieben Packungen Metzger-Schinken für 13,28 Euro, jeweils bei Kaufland eingesackt), einmal Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und schließlich Nötigung, Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung.

Dass es selbst dabei nicht bleiben muss, macht die vorsitzende Richterin gleich zu Beginn des Prozesses klar. Sie erteilt den rechtlichen Hinweis, das die Taten des Angeklagten auch als ein versuchter schwerer Raub einzustufen sein könnten. Die Strafandrohung liegt dann bei mindestens fünf Jahren und damit eigentlich jenseits der vor dem Amtsgericht verhandelbaren Strafsachen bis vier Jahren Freiheitsstrafe. Verteidiger Oliver Hille runzelt schon mal die Stirn. Aber, so weist die Richterin weiter hin, käme gleichzeitig auch ein minderschwerer Fall in Betracht. Die konkrete Strafandrohung rutscht so wieder in den Zuständigkeitsbereich des Schöffengericht beim Amtsgericht.

Dort wird zunächst die schwerste Anschuldigung unter die Lupe genommen. Ein Ereignis aus dem September vergangenen Jahres. Die On-/Off-Freundin des Angeklagten hatte wieder einmal Schluss gemacht, wandte sich einem neuen Freund zu. Auf Grund dessen war der Angeklagte so wütend, dass er in ihrer Wohnung ein paar Möbel zerschlagen hat. Die überraschende Wirkung: Die Freundin verliebte sich neu in ihren Ex-Freund. Zumindest vorübergehend. Die nächste Trennung folgte auf dem Fuße. Nun hörte der Angeklagte von einem Phänomen namens Angstliebe – seine (Ex-) Freundin hat im Internet hierzu recherchiert. Seine mäßig gute Idee: Der Getrennten Angst einzujagen, damit die sich wieder in ihn verliebt. So zog er, schwer angetrunken, zu seiner (Ex-) Freundin und forderte diese mit einem Brotmesser in der Hand auf, ihn zum Zigarettenkaufen zu begleiten. Dabei habe er gedroht: „Ich stech’ dich ab!“
Als der verlassene Angstliebhaber schließlich von mehreren Polizisten festgenommen und in die Zelle gesteckt werden sollte, kam es zu einer Rangelei, die für einen Polizisten mit einer gebrochenen Nase und für den Häftling mit einer Platzwunde am Kopf endet. Der Polizist tritt auch als Nebenkläger auf.

Als wichtigste Zeugin am heutigen Verhandlungstag wird die behandelnde Psychiaterin gehört. Aber eben nur als Zeugin, nicht als Sachverständige, was sie als behandelnde Ärztin gar nicht darf. Und sie berichtet. Von dem langen Behandlungsweg ihres Patienten und von den zahlreichen Medikamenten die er gegen seine Krankheiten nehmen muss: Interferon (gegen eine Hepatitis C-Infektion), Anti-Depressiva, Polamidon (gegen seine Heroin-Sucht). Ihr Patient, so die Ärztin leide an einer Polytoxikomanie, der Abhängigkeit von verschiedenen Drogen. Dem interessierten Einwand des Nebenklägers, ob man denn nicht schon aufgrund der Latte an Medikamenten von einer Polytoxikomanie sprechen müsste, hält die Medizinerin entgegen, dass es sich um eine Multimedizierung handelt. Polytoxikoman und multimediziert – Verteidiger Hille will ganz offen sein: Hier komme man doch kaum ohne Sachverständigen aus.

So sieht es aus: Das Gericht setzt die Verhandlung aus. Bevor hier weiterverhandelt wird muss ein rechtsmedizinisches Gutachten erstellt werden. Die Frage, ob der Angeklagte auch schuldhaft handelt, soll von Profis geklärt werden, das hat die Nachfrage des Nebenklägers deutlich gemacht.

Von Lukas Breitenbach

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