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Präventionsabend „Dein Unfall, der nicht passiert“ in der Polizeistation Weende

„Ich wollte nur noch raus“ Präventionsabend „Dein Unfall, der nicht passiert“ in der Polizeistation Weende

Drastisch sind die Mittel, mit denen die Göttinger Polizei Fahranfänger zu verantwortungsvollem Fahren anleiten will. Am Donnerstagabend waren es knapp 30 Fahrschüler, denen Verkehrssicherheitsberater Jörg Arnecke in der Weender Polizeistation ins Gewissen redete.

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Quelle: Heller

Göttingen. Denn jeder sechste Unfall wird von Fahranfängern verursacht, obwohl diese Altergruppe nur einen vergleichsweise geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmacht. Anders gerechnet: Fahrer im Alter zwischen 16 und 25 Jahren sind dreimal so häufig an Unfällen beteiligt wie der Schnitt der Gesamtbevölkerung.

Wozu das führen kann, zeigte Arnecke zu Beginn in einem kurzen Film, der nichts anderes zeigte als Kreuze. Kreuze am Straßenrand, die an die Opfer tödlicher Verkehrsunfälle erinnern sollen. 48 Kreuze, alle aus Stadt und Landkreis Göttingen, waren zu sehen, „und das“, so Arnecke, „sind noch nicht einmal die Hälfte hier im Kreis“. Die Hauptunfallursachen auch bei jungen Leuten: viel zu schnell, Alkohol und auch Drogen und „der Killer Nummer eins: das Handy“.

Amtsrichter Oliver Jitschin erklärte den angehenden Autofahrern, wie sich durch Leichtsinn oder Verantwortungslosigkeit in einem kurzen Moment ein ganzes Leben ruinieren lässt. Zum Beispiel der Fall eines jungen Mannes, der nach einer Nacht mit Alkohol und Cannabis auf der B 27 in den Gegenverkehr raste. Die Bilanz: fünf Tote. Der Todesfahrer überlebte zwar, aber: Haftstrafe, Freundin weg, Arbeitsplatz weg. Er habe sogar aus seinem Dorf wegziehen müssen, weil von dort auch eines seiner Opfer kam.

Ein weiterer Faktor: Unwissen. Viele junge Autofahrer, so Arnecke, könnten sich nicht vorstellen, welche Kräfte bei einem Unfall auf die Insassen einwirkten. Bei nur 60 Stundenkilometern werden aus dem Gewicht eines normalgewichtigen Insassen bei einem Aufprall um die sechs Tonnen. Kommentar von Fahrschullehrer Tobias Hillmann: „Das kommt davon, wenn man Physik im Abi abwählen kann.“ Und der Mündener Notfallseelsorger Torsten Thiel erzählte davon, welch unendlichen Schmerz er bei den Hinterbliebenen von Unfallopfern miterleben musste.

Ein weiteres Thema: die Fahrweise Göttinger Radfahrer. Arnecke zeigte drastische Bilder vom Unfalltod eines jungen Studenten, der mit unbeleuchtetem Fahrrad bei Rot auf die Kreuzung am Groner Tor gefahren war. Ein Taxi bedeutete das Ende seines Lebens.

Bei den Zuhörern verfehlten solche Schilderungen ihre Wirkung nicht. Eine Fahrschülerin berichtete, wie sie einmal im Auto der Mutter einer Freundin gesessen hatte: „Auf der B 27 drehte sie auf 120, dann auf 140 auf. Ich wollte nur noch raus.“ Und Fahrschüler Robin Richter erklärte nach dem Abend in der Weender Polizeiwache, ihn habe besonders beeindruckt, wie alle Vortragenden ganz offen gezeigt hätten, wie nahe ihnen die schrecklichen Ereignisse gegangen seien.

Risiko Fahranfänger

Göttingen. An etwa einem Sechstel aller 6842 Verkehrsunfälle des vergangenen Jahres waren Fahranfänger beteiligt – weit mehr, als es ihrem Anteil an der Gesamtheit der Verkehrsteilnehmer entspricht. Bei den Schwerverletzten machen die Anfänger mit 45 von 200 Fällen sogar ein knappes Viertel aus.

Angesichts dieser Zahlen ist Verkehrssicherheitsberater Jörg Arnecke schon froh, dass sich die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Fahranfänger und Jugendlichen im vergangenen Jahr in Grenzen hielt. Von den acht Verkehrstoten des vergangenen Jahres zählte nur einer zu dieser Altergruppe – ein 22-jähriger Rollerfahrer. „Aber auch dieser eine“, erklärte Arnecke beim Präventionsabend in der Weender Polizeistation, „ist einer zuviel.“

Die größten Unfallschwerpunkte in und um Göttingen: vor allem das Groner Tor, wo Radfahrer kreuz und quer, manchmal sogar diagonal über die Kreuzung fahren. Dann aber auch der Kreisel Godehardstraße, die Ecke Kreuzbergring/Robert-Koch-Straße, das Geismar Tor, die Bundesstraße 496 zwischen Münden und Lutterberg (Arnecke: „Das sind die Motorradfahrer“), aber auch der Rosdorfer Kreisel, wo sich gerade erst am Freitagnachmittag ein schwerer Unfall ereignete.

Die Unfallzahlen für 2015 will die Göttinger Polizei auf Anweisung des niedersächsischen Innenministeriums noch nicht veröffentlichen. Der Trend, so Verkehrssicherheitsberater Jörg Arnecke, sei jedoch eindeutig: Die Unfallzahlen steigen weiter. Und der vergleichsweise hohe Anteil junger Leute an den Unfallbeteiligten bleibe konstant.

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Von Redakteur Matthias Heinzel

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