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Praktische Archäologie im Göttinger Stadtarchiv

Scherben waschen und kleben Praktische Archäologie im Göttinger Stadtarchiv

Ihre konzentrierten Blicke sind auf die Bruchkanten der einzelnen Teile gerichtet: Passen die Keramikstücke zusammen? Kommt eine Flasche oder eine Vase zum Vorschein? Filigrane Fingerfertigkeiten sind notwendig, aber ohne Ausprobieren kommt auch das geschulteste Auge nicht weiter. Viele Scherben sehen sehr ähnlich aus.

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Der Boden hält: Hans-Jürgen Simm, Sibylle Hourticolon und Alfred Karmann beim Scherbenkleben.

Quelle: Heller

Der Förderverein archäologische Forschung Göttingen hat die Scherben, die bei Renovierungsarbeiten am Städtischen Museum am Ritterplan in einem Schacht entdeckt wurden, als Anlass für die Veranstaltung genommen. Gewaschen haben die 15 Teilnehmer die Bruchstücke in der vergangenen Woche, jetzt puzzeln sie die kleinen Teile zusammen und fixieren sie mit Klebeband. Das ist schwerer als es klingt. Die kleinen Keramikteile rutschen schnell auseinander – zwei Hände reichen häufig nicht. Die Hilfe sitzt jedoch auf dem Nachbarstuhl. Sibylle Hourticolon hat den Rand einer Schüssel fast fertig und sucht in den Scherben die letzten fehlenden Teile. „Praktische Archäologie macht mir viel Spaß“, erklärt sie. Es sei sehr spannend, etwas Entstehendes zu sehen. Noch könne sie nicht lesen, was auf dem Rand der Schüssel geschrieben steht, aber sie sei gespannt.

„Natürlich ist Erfahrung wichtig, aber man muss schon grundsätzlich ein visuelles Gedächtnis haben“, erläutert Betty Arndt. Zudem müsse man die Faszination in sich haben und Spaß bei der archäologischen Arbeit empfinden, meint die Leiterin der Stadtarchäologie.

Da die Scherben an einem Ort gefunden worden sind und in der gleichen Schicht lagen, können sie gut datiert werden. „Auf einem Keramikteil kann man die ersten drei Ziffern einer Jahreszahl sehen“ sagt Kai Gößner. Das helfe natürlich beim Festlegen des Alters. In diesem Fall handele es sich um Keramik aus dem 18. Jahrhundert. Häufig finde man nur einzelne Keramikteile. „Dieser Fall ist daher besonders, da die Chance groß ist, komplette Gefäße zusammenzusetzen“, sagt der 29-Jährige, der seine Magisterarbeit über Keramik im Mittelalter schreibt. Archäologische Arbeit, kann spielerisch zu einer Art Kriminalfall werden. „Ich habe das Sherlock-Holmes-Gen“, sagt Valeska Hente. Schon immer habe sie versucht „alles aus Gegenständen herauszuholen und sie zu ergründen“. Eine Sammlerin sei sie zudem – da biete sich Archäologie an. „Ich sortiere die Teile vor, damit die unerfahreneren Teilnehmer schnell Erfolge und Spaß haben“, erklärt sie.

So wie die 15-jährige Alina Weiße-Blanke. Die Schülerin absolviert momentan ein Praktikum in der Stadtarchäologie. „Das Waschen der Scherben ist zwar monoton, das Zusammensetzen jedoch sehr spannend“, sagt sie. Ob sie eines Tages im Bereich der Archäologie arbeiten will, weiß sie noch nicht. „Ich bin aber sehr an Geschichte interessiert“.

Von Michael Kerzel

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