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Prozess gegen angeblichen Neonazi erneut abgebrochen

„Mir doch egal, was rauskommt“ Prozess gegen angeblichen Neonazi erneut abgebrochen

Dieser Angeklagte treibt die Justiz zur Verzweiflung: Zum zweiten Mal muss eine Hauptverhandlung des Jugendschöffengerichts abgebrochen werden, weil der 19 Jahre alte angeblich überzeugte Neonazi zwar geständig ist, jedoch Zweifel am Geständnis und an seiner Schuldfähigkeit aufkommen. Beim ersten Versuch brach Richter Sönke Andresen ab, weil er das Gefühl hatte, der 19-Jährige bestätige nur alles, was die Richter hören wollen – egal, ob es stimmt.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Diesmal sagt der 19-Jährige: „Ich bin ständig auf Droge.“ Er konsumiere Spice, eine „Kräutermischung“, allerdings illegal. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Hinweisen, dass der junge Mann drogenabhängig ist. Bei einer der Taten hatte er 2,32 Promille Alkohol im Blut.

Vor Gericht steht er, weil er Cannabispflanzen angebaut hat, weil er zweimal sein tätowiertes Hakenkreuz am Knöchel in der Öffentlichkeit vorgeführt hat und weil er zwei Brüder getreten und verletzt hat. Diese drei Anklagen räumt er ein. Strittig ist die vierte. Er soll ein junges Paar verletzt, bedroht und beleidigt und ihm ein Handy sowie eine angefangene Flasche Wein geraubt haben. Als die Polizei kam, leistete er Widerstand, verletzte einen Beamten mit einem Kopfstoß und beschimpfte sie als „Spastis“, „Bullen“, „Ratten“ und „Jüdische Mistbürger“.

Letzteres gibt er zu. Dafür droht eine mehrjährige Jugendstrafe, schließlich hat er schon acht Eintragungen im Bundeszentralregister und steht mit einer sechsmonatigen Jugendstrafe unter Bewährung.

Beeindruckt ihn die drohende Verurteilung? „Mir doch egal, was rauskommt. Kann ja nur Bewährung sein.“ Andresen erklärt, dass er sich irre. Er könne ihn auch verurteilen, so dass er in die Jugendanstalt Hameln muss. „Machen Sie das“, sagt der Angeklagte. Er „warte nur drauf, dass es vorbei ist“. Ob er denn bereue? „Bereue alles, was ich gemacht habe“, sagt er lakonisch.

Er überrascht das Gericht noch mehrfach an diesem Tag: Das mit dem Hakenkreuz am Bein, will die Schöffin wissen, was stehe dahinter? „Ein Glaube“, sagt der 19-Jährige aus Uslar. „Ich glaube daran.“

Beim Bericht der Bewährungshelferin gibt es dann Hinweise auf psychische Störungen. Über Weihnachten will dem Angeklagten eingefallen sein, dass er als Kind vom eigenen Vater missbraucht worden sei. Er sei zur Polizei gegangen und habe das angezeigt. Dort „haben die mich nicht für voll genommen und mich mit dem Krankenwagen in die Psychiatrie gebracht“. Tatsächlich war er gut sechs Wochen in der Asklepios-Klinik, aber nicht, weil er den Missbrauch anzeigen wollte, sondern weil er unter dem Einfluss der Droge Spice „hilflos auf der Straße aufgefunden“ worden sei, sagt dazu die Bewährungshelferin.

Er soll jetzt einen Betreuer erhalten. Andererseits: Der Vater ist tatsächlich verdächtig, in seiner neuen Familie in Wolfenbüttel die Stiefschwester des Angeklagten missbraucht zu haben.  

Das Gericht macht schließlich  das einzige, was der Angeklagte auf keinen Fall will: Es bricht ab und beauftragt einen psychiatrischen Sachverständigen. Der Angeklagte verdreht die Augen und sucht dann so schnell wie nur möglich das Weite.

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