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Rattengift-Unfall auf der A7 bei Göttingen: Arbeiten gehen weiter

Schutzanzüge waschen, Zelte trocknen Rattengift-Unfall auf der A7 bei Göttingen: Arbeiten gehen weiter

Der tödliche Unfall, der am vergangenen Wochenende für ein Verkehrschaos in der Region gesorgt hat, war eine Mammutaufgabe für die mehr als 500 Einsatzkräfte. Von Clausthal-Zellerfeld bis Kassel wurden Helfer alarmiert. Die Nacharbeiten dauern an. Für die Rosdorfer Feuerwehr, auf deren Gemeindegebiet sich der Unfall ereignete, war es bereits der  32. Einsatz auf der Autobahn 7 in diesem Jahr.

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Die Chemieschutzanzüge  der Feuerwehr Northeim werden gewaschen: Jörg Schipper befreit die Ausrüstung von letzten Unfallspuren, dann gibt es ein Tüv-Siegel.

Quelle: Hinzmann

Rosdorf. Mehr als 56 Stunden lang hat der Chemieunfall-Einsatz am vergangenen Wochenende gedauert. Die Autobahn 7 war von Freitagmorgen, 7.38 Uhr, bis Sonntag, 16.15 Uhr, gesperrt. Ein Marathonprogramm für viele der mehr als 500 Einsatzkräfte. Und: Es ist noch immer nicht vorbei.

Treffen, Nachbesprechungen, Einsatzanalysen. Rosdorfs Gemeindebrandmeister und Einsatzleiter Martin Willing ist auch an den Tagen nach dem tödlichen Unfall viel in dieser Angelegenheit unterwegs. Und auch viele der anderen an den Lösch-, Räum- und Bergungsarbeiten beteiligten Männer und Frauen sind noch mit den Nachwirkungen des Unglücks beschäftigt.

Auch wenn der Verkehr wieder reibungslos über die A 7 rollt, die Spuren des Rattengifts, das der umgestürzte Lastwagen geladen hatte, müssen weiter beseitigt werden. „Die normale Einsatzkleidung können wir einfach in der Maschine waschen“, erklärt Willing. Die Chemieschutzanzüge allerdings werden aufwändig dekontaminiert.

„Die Anzüge werden – ohne dass die Außenseite mit dem Körper in Kontakt kommt – noch an der Unfallstelle ausgezogen und in Plastiksäcken verschlossen abtransportiert“, sagt Thomas Windus, Bereitschaftsführer der Umweltfeuerwehr im Landkreis Göttingen.

Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn 7 bei Göttingen ist ein Autofahrer getötet worden. Mehrere weitere Unfallbeteiligte wurden schwer verletzt.

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Die Göttinger Schutzanzüge lagern in einem Container auf dem Gelände einer Rosdorfer Spedition und werden von dort zum Dekontaminieren zurück zur Herstellerfirma gebracht. Die Northeimer Einsatzkräfte reinigen ihre Chemieanzüge in einer speziellen Waschanlage in der Feuerwehrtechnischen Zentrale. Die Zelte, die auf der Autobahn aufgebaut waren,  werden bei der Göttinger Berufsfeuerwehr gesäubert.

Die meisten Geräte, Fahrzeuge und  viele Retter hielten sich nicht im direkten Gefahrenbereich auf, müssen also keine besonderen Reinigungsverfahren durchlaufen. „Auch die Zelte standen nicht im gefährlichen Bereich“, sagt Eckhard Gerlitzki von der Berufsfeuerwehr. Unterscheiden werde in „Schwarze“ (gefährliche) und „weiße“ Bereiche.

Zudem haben alle Kräfte, die im Gefahrenbereich gearbeitet haben, bereits vor Ort die Dekontaminations-Schleuse durchlaufen. Dort wurde das Gift entfernt. Die Ausrüstung wird jetzt noch einmal mit Wasser komplett abgespült. „Dabei geht es nur noch darum, letzte Spuren zu beseitigen“, so Gerlitzki.

Das Rattengift, ein weißes Granulat, das in Fässern gelagert war, verteilte sich um den Lastwagen herum. „Das Zeug stinkt wie Knoblauch“, sagen die beiden Retter. Das Problem war, dass das giftige Aluminiumphosphit in Verbindung mit Wasser gasförmig wird und sich dann entzündet. „Die Flammen schwebten knapp über dem Boden“, sagt Windus. Rauch und Gas sind stark gesundheitsgefährdend.

„So ein Ding, das habe ich in 25 Jahren Umweltfeuerwehr noch nicht gesehen“

Die unversehrten Fässer mit dem Gift wurden bereits abgeholt, sie waren an der Deponie Königsbühl zwischengelagert. Die havarierten wurden an einen sicheren Ort gebracht.

„So ein Ding, das habe ich in 25 Jahren Umweltfeuerwehr noch nicht gesehen“, so Windus. Aus der gesamten Umgebung wurden Schutzanzüge für die Feuerwehrmänner zusammengetragen, nun werden sie gereinigt. „Wenn jetzt etwas passiert, haben wir keine Anzüge mehr, sondern ein Problem“, so Willing und Windus. Dann muss Equipment aus Dortmund von der Analytischen Task-Force herangezogen werden.

„Das Zusammenspiel aller kreis- und länderübergreifenden Verantwortlichen hat extrem gut geklappt“, sagt Einsatzleiter Willing.  Beispiel: Die Feuerwehr Rosdorf war als erstes vor Ort, gemeinsam mit der Göttinger Berufsfeuerwehr. „Der Fahrer des Lasters hat uns die Papiere gegeben, dann wurde uns sofort klar, wir können hier nicht mit Wasser löschen“. sagt Willing.

„Sogar die Rettungsgasse hat geklappt, leider ist das nicht immer so“

Also musste Löschpulver her. 500 Kilo aus Göttingen, weitere aus Northeim, Hann. Münden und von der Northeimer Continental-Feuerwehr. „Später haben die Kollegen aus Kassel noch einmal 1000 Kilo Pulver an die Einsatzstelle gebracht.“ Zudem wurden Sand und Zement von Baumarkt und Firmen organisiert und abgeholt. „Sand ist gut zum Ersticken der Flammen geeignet“, erklärt Windus.

Funktioniert habe es auch, die Autos aus dem Stau und vor allem aus der Gefahrenzone südlich des Unfalls heraus zu bekommen. Die Leitplanken wurden von der Feuerwehr durchtrennt, der Verkehr auf der Gegenfahrbahn dann abgeleitet. Windus: „Sogar die Rettungsgasse hat geklappt, leider ist das nicht immer so.“

Fast jeden Tag ein Einsatz

Die Einsatzbilanz der Freiwilligen Feuerwehr Rosdorf  läuft auf Rekordkurs. Die Helfer, die ehrenamtlich Dienst leisten,  sind in diesem Jahr bereits 163 mal ausgerückt, 32 Mal allein auf die Autobahn 7.  Nur einmal in der Statistik, im Jahr 2006, gab es mehr Einsätze, nämlich 176. Aber das war das Jahr, in dem wir wegen der Vogelgrippe viele Tiereinsätze hatten, sagen Christian Henke und Tobias Sprenger, Sprecher der Rosdorfer Gemeindefeuerwehr.

In diesem Jahr sieht das ganz anders aus. „Viele der Einsätze waren besonders zeitintensiv“, so Gemeindebrandmeister Martin Willing, der am vergangenen Wochenende rund 44 Stunden lang auf der Autobahn im Einsatz war. Allein im Dezember mussten die Rosdorfer Retter 21 Mal ran.

Darunter zwei Brände, einer mit acht Verletzten und eben der schwere Unfall vom vergangenen Freitag. „Wir haben ein wahnsinniges Wochenende hinter uns“, sagt Willing. Sonntagmorgen um 3.38 Uhr endete der A7-Einsatz, um 12.30 Uhr dann gleich der nächste Unfall bei Tiefenbrunn, um 15 Uhr ein weiterer bei Obernjesa.

Und damit ist es nicht getan. Denn nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Kleidung muss gewaschen, Atemschutzgeräte müssen desinfiziert, aufgefüllt, gewartet werden. Die Tanks der Fahrzeuge müssen stets gefüllt, alle  Werkzeugkisten aufgeräumt sein. Auch das nimmt viele Zeit der ehrenamtlichen Feuerwehrleute in Anspruch. Im Dezember waren sie fast jeden Tag für die Sicherheit der Bürger unterwegs.

Mehr als 500 Helfer

Es war der größte Einsatz von freiwilligen Helfern in Südniedersachsen seit zwei Jahrzehnten, vergleichbar groß mit dem Aufwand nach dem Schnellzug-Unfall am 15. November 1992 nahe des Bahnhofs Northeim mit elf Toten. Mehr als 500 Helfer wurden diesmal  alarmiert, viele zweimal. Die dreiseitige Alarm-Liste hat neben der Feuerwehr Rosdorf mehr als 200 Positionen.

Gerufen wurden diese Einheiten: Berufsfeuerwehr Göttingen, Ortswehren Geismar und Holtensen. Feuerwehren Bovenden: Bovenden, Eddigehausen, Harste, Emmenhausen. Rosdorf: Mengershausen, Settmarshausen, Obernjesa. Friedland, Groß Schneen, Niedernjesa, Ballenhausen, Reiffenhausen, Klein Schneen. Gleichen: Groß Lengden, Bremke, Rittmarshausen, Sattenhausen, Kerstlingerode, Ischenrode, Reinhausen, Diemarden. Duderstadt: Duderstadt, Nesselröden, Mingerode, Immingerode, Westerode. Adelebsen: Adelebsen, Barterode, Erbsen, Eberhausen, Güntersen, Lödingsen, Wibbecke. Dransfeld. Radolfshausen, Mackenrode, Gieboldehausen: Gieboldehausen, Rhumspringe, Wollershausen, Rüdershausen. Hann. Münden: Münden, Oberode, Wiershausen, Gimte.

Technisches Hilfswerk (THW) Göttingen, Northeim, Einbeck, Hann. Münden, Clausthal-Zellerfeld, Gieboldehausen. Technische Einsatzleitung Stadt und Landkreis Göttingen, DRK Duderstadt, DRK Göttingen-Northeim, DRK Münden, ASB Göttingen, ASB Markoldendorf, Johanniter Göttingen. Malteser Göttingen, Freiwillige Feuerwehr Uslar, Werkfeuerwehr Conti Northeim, Gefahrgutzug Osterode am Harz, Umweltfeuerwehr Northeim, Umweltzug Berufsfeuerwehr und Freiwillige Feuerwehr Landkreis Kassel.

Von Jürgen Gückel

Rechnungen  an die Gemeinde

Die Rechnungen für den Mammut-Einsatz auf der Autobahn 7 werden wohl erst einmal an die Gemeinde Rosdorf geschickt. „Wer die Kosten dann übernimmt, darum wird vermutlich noch jahrelang gestritten“, sagt Göttingens Landrat Bernhard Reuter (SPD).

Denn: Für alle Folgen des Unfalls muss der Verursacher zahlen. Dazu muss aber erst einmal fest stehen, wer den Unfall verursacht hat, und ob er allein dafür verantwortlich ist oder ob Mitschuldige ebenfalls dafür zur Kasse gebeten werden können.  Für Leistungen, die zum Brandschutz zählen, zahle in der Regel der Steuerzahler.

Die Gemeinde Rosdorf müsse die Zahlungen nach Erhalt der Rechnungen  dann einfordern. „Da kommt sicher noch ganz schön etwas auf die Gemeinde  zu“, sagt Reuter.

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