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Rauswurf der Küche folgt Rauswurf des Mieters

Kampf gegen Kakerlaken Rauswurf der Küche folgt Rauswurf des Mieters

Als Irmgard L. hier einzog, war die Wohnung neu und sie eine junge Frau: Oktober 1968, der Holtenser Berg eine Vorzeigesiedlung der Städtischen Wohnungsbau, die L.s die glücklichen Erstmieter für 308 Mark Miete.

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Trostlose Küche: Wasserkocher, verrostete Kochplatte, Plastikeimer als Ausguss.

Quelle: Gückel

Heute ist die Sozialrentnerin 70 und ihre Wohnung gleicht von Innen einem Abrissbau. Bald stehen die Frau, ihr arbeitsloser Sohn und der Dobermann auf der Straße. Sie werden obdachlos, weil sie die Räumungsklage verloren haben. Am Montag in einer Woche müssen sie laut Gerichtsurteil raus sein.

Dass sie Fehler gemacht hat, weiß sie. „Man hätte fragen sollen, das stimmt“, sagt Frau L. heute. Fragen, ob sie ihre Küche hätte rausschmeißen dürfen. Die war zwar 42 Jahre alt und „abgängig“, wie man so schön das Wort Schrott umschreibt, sie gehörte aber nicht ihr, sondern ihrem Vermieter, der Städtischen Wohnungsbau. Und die wurde nicht gefragt.

An allen sind die Kakerlaken schuld. Wo sie her kamen, ist unklar. Vielleicht durch die Löcher, die ein misslungener Renovierungsversuch in den Abflussrohren hinterlassen hat. Jedenfalls gediehen sie prächtig in der Küche der L.s.
Irgendwann entschieden sie sich für die Radikallösung: die Küchenzeile samt Dunstabzug raus auf den Sperrmüll, die Hängeschränke auch, die Tapeten von der Wand, den Teppich samt loser Fliesen vom Fußboden gerissen. Seither, also seit fast einem Jahr, lebt die 70-Jährige zwischen kahlem Putz. Ein Wasserkocher ohne Deckel und eine Herdplatte aus dem Müll sind ihre Küche.
Sie habe gedacht, die Wohnungsbau werde schon eine neue Küche stellen und renovieren. Sonst hätte sie selbst eine gekauft. Doch als der Vermieter durch den Kammerjäger von dem Zustand erfuhr und Frau L. aufforderte, den alten Zustand des Mietobjekts wieder herzustellen, fehlte das Geld. Noch viele andere Mängel am Mietobjekt – fehlende Armaturen, durchgerostete Heizkörper, den Ungezieferbefall sowieso – hatte die 70-Jährige dem Vermieter nicht gemeldet, obwohl das ihre vertragliche Pflicht gewesen wäre. Auch der Hund, der die Nachbarn stört, war nicht gemeldet. Das sah auch der Richter so. Er gab der Räumungsklage statt, so sehr sich Anwalt Burkhard von Samson auch mühte, den sozialen Aspekt des 41-jährigen Mietverhältnisses zu betonen.

Zwischen 14 und 22 Räumungsklagen, so Wohnungsbau-Chef Rolf-Georg Köhler, sei sein Unternehmen jährlich gezwungen zu führen – nicht viel bei 4500 Wohnungen. Selten sei man gezwungen, vom Sozialamt zugewiesenen Obdachlosen eine neue Bleibe zu bieten. Vielleicht sogar den L.s. Zunächst sei aber rechtlich klar, dass man Mietgegenstände nicht in den Müll werfen darf.

  Zwangsräumung
  Der Fachbereich Soziales der Stadt Göttingen erfährt automatisch von jeder gerichtlich angeordneten Zwangsräumung. Weil Zwangsgeräumte auf dem freien Wohnungsmarkt praktisch keine Chance haben, hilft die Behörde, um Obdachlosigkeit zu vermeiden. Zum einen hat die Straßensozialarbeit eine eigene Wohnungsbörse, zum anderen gibt es städtische Notunterkünfte (Obdachlosenwohnungen) im Rosenwinkel. Schließlich gibt es eine Vereinbarung mit allen großen Wohnungsbaugesellschaften, ihnen ausnahmsweise solche Mieter zuzuweisen.
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