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Realgemeinde Groß Lengden bewirtschaftet 215 Hektar

Forst-Serie Teil sechs Realgemeinde Groß Lengden bewirtschaftet 215 Hektar

Willi Deppe war ihr Urgroßvater. Nach ihm ist eine Buche benannt. Die Willi-Deppe-Buche macht der legendär stattlichen Figur ihres Namensgebers alle Ehre. Sie ist mit 1,85 Meter Durchmesser auf Brusthöhe Deutschlands dickste Buche. Und sie gehört vielen - den 35 Mitgliedern der Realgemeinde Groß Lengden. Deren Vorsitzende ist Martina Stietenroth, Urenkelin Willi Deppes.

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Auf Realgemeindegrund: Martina Steietenroth und Klaus Peter Frerk am Groß Lengdener Ehrenmal.

Quelle: Vetter

Groß Lengden. Stietenroth bewirtschaftet mit ihrem Mann einen der großen Höfe im Ort. Einst zählte der 56 Hofstellen. Das weiß man, denn die Realgemeinde hat 56 Anteile - je Herdstelle einen. Die Anteile sind fest an den Hof gebunden. Doch es gibt auch halbe Anteile, entstanden durch Erbschaften. Als viele Höfe aufgaben, änderte die Realgemeinde die Satzung. Seit den 70er Jahren dürfen Mitglieder auch Anteile anderer kaufen, oder die Genossenschaft selbst kauft aufgegebene Anteile. Derzeit sind es 35 Mitglieder, die Anteile halten. Gemeinsam verfügen sie über 215 Hektar Land, überwiegend Wald. Aber auch Grundstücke wie die Lehmkuhle, die Flachsrotten, der Steinbruch, der Feuerlöschteich, sogar der Grund, auf dem das Ehrenmal steht. Auch viele der Gemeinschaftsgebäude wie Sportverein, Feuerwehr, oder Schützenverein wurden auf Realgemeinde-Grund gebaut und preiswert gepachtet.

Die wirklichen Werte stecken im Hochwald. Die Groß Lengdener besitzen eine riesige Fläche auf dem Plateau des Göttinger Waldes, das Bauernholz, angrenzend ans Kerstlingeröder Feld. Alles auf Muschelkalk. Dort stehen 150 bis 200 Jahre alte Buchen, dazu Esche, Elsbeere, Kirsche und Ahorn. Der Anteil der Fichten auf der gegenüberliegenden Talseite ist mit fünf Prozent gering. Weil der Wald seit Jahrzehnten zertifiziert (PEFC-Norm) bewirtschaftet wird und Flora-Fauna-Habitat ist, ist er heute in einem Zustand, dass er als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden könnte. Die Realgemeinde strebt aber nur Landschaftsschutz an - das mildere, die Eigentümer weniger einschränkende Instrument.

Beförstert wird der Besitz wie bei fast allen Genossenschaften von den Beamten der Landesforsten. Klaus Peter Frerk ist für Groß Lengden zuständig, eine von elf Realgemeinden, die er betreut. Insgesamt sind die 14 Förster der beiden Landesforstämter Reinhausen und Hann. Münden für knapp 100 Realgemeinden in Südniedersachsen, die meisten im Kreisgebiet, zuständig. Die Landesförster setzen auch in den Betreuungswäldern das alle zehn Jahre vom Forstplanungsamt ausgearbeitete Betriebswerk um. Und sie beraten, wenn neu bepflanzt werden muss.

Die Entscheidung aber treffen die Mitglieder. Die Groß Lengdener etwa wollen mehr Eiben in ihrem Wald. Die weren nun dazwischen gepflanzt.56 Anteile, das sind 56 Ausschüttugnen des jährlichen Gewinnes. "Aber dann sind da auch die Mitglieder, die Angst haben, dass nicht genug Brennholz bleibt." Dabei heizt die Hälfte gar nicht mehr mit Holz. Doch die Nachfrage nach Brennholz ist in den letzten zehn Jahren so gestiegen, dass ein Großteil der Ernte an Selbstwerber geht. 1200 Raummeter jährlich lassen die Groß Lengdener von Forstfirmen fällen und an die Wege ziehen, wo sie Selbstwerber aufarbeiten können. In den Wald selbst lässt die Realgemeinde keinen Privaten mehr zum Fällen - zu gefährlich.

Auch die Mitglieder erhalten ihr Brennholz so. Sie müssen es erwerben, zu zwei Dritteln des Preises. Kostenlose Brennholzanteile, so genannte Gerechtsame oder Lose (weil sie verlost werden), gibt es in Groß Lengden nicht. Wer es sich leichter machen will, kann auch schon fertig am Wegesrand in Meter-Enden aufgestelltes Holz erwerben. So möchte Stietenroth es auch künftig, deshalb strebt sie "nur" Landschaftsschutz an. Denn sollte der Bauernwald Naturschutzgebiet werden, gälte künftig ab Ende Februar Betretungsverbot. Bis dahin haben meist noch nicht alle ihr Brennholz geholt.

Realgemeinde
Die Realgemeinden, Genossenschaften mit gemeinsamem Grundbesitz, sind aus der mittelalterlichen deutschen Flurverfassung und deren so genannten Allmenden hervorgegangen. Als Allmende oder auch Gemeine Mark bezeichnete man gemeinschaftlichen landwirtschaftlichen Besitz, der nicht allen Bewohnern eines Dorfes, wohl aber den jeweiligen Grundeigentümern zur Nutzung zur Verfügung stand. Das waren Hutewälder für das Vieh, Gänseanger oder Dorfteiche, Bleichwiesen oder Wälder zum Brennholz-Gewinn. Im 19. Jahhundert entstanden durch die Gemeinheitsteilung (Separation) dieser Allmenden die Realgemeinden. Sie sind Genossenschaften oder Körperschaften öffentlichen Rechts mit nach Größe des Grundbesitzes der einzelnen Mitglieder gestuftem Stimmrecht. Die Anteile sind jeweils an den Hof (Grundbesitz) gebunden, also in der Regel nicht frei handelbar, wohl aber vererbbar. Wird ein Hof aufgegeben, so hat in den meisten Satzungen die Realgemeinde selbst das Recht, den Anteil zu erwerben. Dadurch erhöht sich der Wert der übrigen Anteile. Die Summe der Anteile bleibt immer gleich. Die Realgemeinden haben lange mit dem modernen Kommunalrecht konkurriert. In vielen Landstrichen sind sie zwangsweise ins Vermögen politischer Gemeinden übergegangen, was das Bundesverwaltungsgericht für rechtmäßig erklärt hat. In Südniedersachsen hingegen haben sie überlebt. 29 Prozent aller Wälder im Landkreis Göttingen (11700 Hektar) sind Genossenschaftsforst, gehören also meist einer Realgemeinde.    ck
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