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Nichts als Provokationen

Rechte Parolen und Beschimpfungen Nichts als Provokationen

Vor rund zehn Monaten trat in Südniedersachsen erstmals eine neue rechtsextreme Gruppierung in Erscheinung. Seitdem versucht der so genannte „Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen“, mit einem Kundgebungsmarathon in der Region Fuß zu fassen. Die Auftritte sind meist laut, die Resonanz indes bescheiden.

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Mahnwache am Göttinger Bahnhof: Jens Wilke (2. v. l.) kandidiert bei der Kommunalwahl auf der Liste der NPD.

Quelle: Swen Pförtner

Göttingen. Es kommen stets die gleichen Sympathisanten, oft sind es keine 30. Ihren bisherigen Tiefpunkt erlebte die Gruppierung an diesem Freitag in Göttingen: Gerade mal fünf Rechtsextremisten waren zu einer so genannten Mahnwache am Bahnhof gekommen. Ihnen gegenüber standen, durch Absperrgitter und ein Großaufgebot an Polizisten auf Distanz gehalten, mehr als 500 Gegendemonstranten. Nach einer halben Stunde zog die rechtsextreme Mini-Gruppe ab und setzte sich in den Zug nach Friedland.

500 gegen 5: Diese Zahlen machten das politische und gesellschaftliche Kräfteverhältnis in Göttingen mehr als deutlich. Die Zahl der Rechtsextremisten betrug im Vergleich zu ihren Gegnern gerade einmal ein Prozent. Gleichzeitig illustrierte die Szenerie einmal mehr, dass der „Freundeskreis“ vor allem eines ist: eine Ein-Mann-Show seines Hauptagitators Jens Wilke. Diesmal hielt der Friedländer, der auf der Liste der NPD als Landrat im Kreis Göttingen kandidiert, allerdings keine Rede. Stattdessen rauchte und tippte der 1977 geborene Versicherungsmakler unentwegt auf seinem Smartphone herum, was aber auch nicht half. Lediglich ein Mitstreiter stieß noch zu den zunächst vier Teilnehmern dazu.

Dann machte Wilke das, was er mit Vorliebe macht: Er stellte sich breitbeinig hin und ließ sich von einem Mitstreiter vor der Kulisse der Gegendemonstranten filmen, die mit Sprechchören, Samba-Musik, Stinkefingern und Trillerpfeifen lautstark deutlich machten, was sie von ihm und seinen „Freunden“ halten. In seiner auf Facebook verbreiteten Selbstinszenierung versuchte Wilke, den eigenen desaströsen Auftritt als Erfolg hinzustellen. Wie immer überzog er die politischen Gegner mit Schimpfwörtern, wobei „Vollidioten“ und „Realitätsverweigerer“ noch am unteren Ende seiner Verbalinjurien anzusiedeln sind. Ansonsten hatte er nur zu verkünden, dass man gerade einen Lautsprecherwagen durch Göttingen fahren lasse und sich darüber kaputtlache, dass die „verwirrten Autonomen“ dies noch gar nicht begriffen hätten. Tatsächlich wirkten die fünf vom „Freundeskreis“ alles andere als amüsiert, gelacht hat keiner von ihnen.

An diesem Wochenende stellte Wilke noch ein weiteres Video ins Netz, in dem er davon berichtet, dass eine NPD-Kundgebung am Sonnabend in Einbeck „wunderbar“ gelaufen sei. Nach Angaben der Polizei sah die Realität so aus, dass etwa 30 NPD-Anhängern mehr als 200 Gegendemonstranten gegenüberstanden. Inhaltlich ist das Video eine Aneinanderreihung von Beleidigungen. Wilke nennt die Gegendemonstranten eine „Zusammenrottung von Ausländerbanden, von Altkommunisten und von irgendwelche verwirrten Motorrad-Möchtegern-Rockern“, die das gegeben hätten, was sie am besten können, „nämlich einfach Scheiße von sich geben“.

Zu den Themen, um die sich ein Landrat kümmern muss - zum Beispiel Schulen, öffentlicher Nahverkehr oder Wirtschaftsförderung - hat der NPD-Landratskandidat dagegen noch nie etwas gesagt. Gegenüber Vertretern der Medien gibt es zum Wahlprogramm keine persönlichen Stellungnahmen. Wilkes Programm heißt Provokation.

Von Heidi Niemann

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