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Resolute Wirtin: „Oma Schnarre“ ist 100

Geburtstag Resolute Wirtin: „Oma Schnarre“ ist 100

Sie ist so alt wie „Elektra“ (Oper von Richard Strauß), so alt wie der elektrische Toaster, wie der Kunstkautschuk und der längst vergessene Kunststoff Bakelit. Luise Schnarre ist am 3. Juni 1909 geboren. Jetzt wird sie 100.

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Wird 100: „Oma“ Luise Schnarre. 

Quelle: Theodoro da Silva

Altkanzler Gerhard Schröder hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Kein Wunder. Als Luise Schnarre Kind war, kannte sie den Kaiser noch. Den Kanzler hat sie auch gekannt, damals, als der Lehrling war in Hugo Donders Göttinger Bau-Fachgeschäft Feistkorn in Göttingen. Frau Schnarre war damals Kassiererin, genoss das volle Vertrauen des Chefs. Und der rief bis zu seinem Tod jährlich zum Geburtstag an – Hugo Donder war genau so alt wie Luise Schnarre.

In Groß Schneen kennt man die Jubilarin nur unter „Oma Schnarre“. Noch bis vor kurzem lebte sie allein, wurde liebevoll versorgt von ihrer Tochter – ebenfalls mit Namen Luise. Im Augenblick benötigt sie Pflege, lebt vorübergehend in Göttingen im Seniorenheim. „Ich habe ein schönes Zuhause“, sagt sie. Dort wird heute auch wieder gefeiert.

Wunder von Bern im TV

Dass sie überhaupt nach Groß Schneen gekommen ist, lag am Krieg. Mit ihrem Mann, einem ehemaligen Bergmann, der nach einem Unfall frühverrentet wurde, lebte sie im Ruhrgebiet. Sie musste die Familie durchbringen. In den Zeiten der Not reiste sie mehrfach zu einem Onkel nach Groß Schneen, wo sie Lebensmittel beschaffte. Waggonweise brachte sie Maschendrahtrollen und Drahtkörbe mit, die ihr ein Freund, Inhaber einer Fabrik, überlassen hatte, um sie gegen Lebensmittel einzutauschen. 

Nach dem Krieg zog die Familie ganz in die Region. In Klein Schneen übernahmen die Schnarres das Gasthaus Kapelle. Fast unvergessen für die, die dabei waren: Der Sommer 1954, Weltmeisterschaft in der Schweiz, das Wunder von Bern – bei Schnarres in der Gaststube der einzige Fernseher in ganz Klein Schneen. Die Wirtin selber kann sich nicht erinnern, sie musste für Getränke sorgen. Und: „Man vergisst ja so viel,“ sagt die 100-Jährige.

Nach drei Jahren lief der Vertrag in Klein Schneen aus. Die resolute Wirtin übernahm 1956 ein anderes Lokal, den Gasthof Nörtemann – heute Da Pino (Groß Schneer Hof). Bis 1964 wurde in Groß Schneen „Use Kermesse“ als Saalkirmes bei Wirtin Lieschen Schnarre gefeiert. Und die ganze Familie half mit.

Ja, sagt Tochter Luise, eine resulute Wirtin sei sie schon gewesen, vor allem eine fleißige, geschäftstüchtige Frau, die ihre Familie habe ernähren müssen. Wenn heute gefeiert wird, dann sind vier Enkel und drei Urenkel mit dabei. Den jüngsten Gast trennen von der Jubilarin immerhin 95 Jahre. 

Von Jürgen Gückel

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