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Rolle der Religion im "Tatort" untersucht

Germanistin Rolle der Religion im "Tatort" untersucht

Was wäre ein Sonntagabend ohne den Fernseh-Tatort? Für durchschnittlich zehn Millionen Menschen ist die älteste Krimireihe Deutschlands ein absolutes Muss. 40 Jahre und mehr als 800 Folgen hat der Tatort mittlerweile auf dem Buckel. Claudia Stockinger, Professorin für Germanistik an der Uni Göttingen, hat die Rolle der Religion im Tatort erforscht.

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Gespräche wie Beichten: Ulrich Tukur als Felix Murot und Barbara Philipp als Magda Wächter im Tatort „Wie einst Lilly“.

Quelle: HR/Johannes Krieg

Göttingen. Dafür hat die 42-Jährige besonders die Tatort-Folgen unter die Lupe genommen, in denen die Religion nicht nur als Kulisse oder Beiwerk dient, sondern zum Gegenstand der Handlung gemacht wird, und festgestellt: Seit den 1990er Jahren seien immer wieder einzelne Religionsgemeinschaften und Sekten in den Fokus gerückt: „Das kann auch Voodoo sein, Satanskult oder Scientology. Was ich jedoch nie gefunden habe, ist Protestantismus.“

Anders katholische Themen wie der Zölibat oder das Leben im Kloster, die gleich in mehreren Tatort-Folgen thematisiert werden: etwa in den Produktionen „Tempelräuber“ aus dem Jahr 2009, in dem das Ermittler-Duo aus Münster (gespielt von Axel Prahl und Jan Josef Liefers) den Mord am Regens eines Priesterseminars aufklären muss, oder in der Folge „Heilig Blut“ von 1996 mit Maria Schell als Klosteräbtissin. Kommissar Bernd Flemming (gespielt von Martin Lütge) muss den Mord an einer jungen Ordensfrau in einem Benediktinerinnenkloster aufklären. Dieser Tatort zeige „ganz wunderbar“, wie die Serie den Katholizismus thematisiere, so Stockinger: „Der Kommissar steht der ganzen Einrichtung völlig skeptisch gegenüber, meint, dass das Kloster junge Frauen einsperrt (Flemming: ‚Ich dachte, die Isolationshaft sei verboten!‘).

Priester nicht als schräge Typen darstellen

Und diesem Unverständnis begegnet der Tatort mit einer sehr ausführlichen Darstellung des Klosterlebens.“ So mache es sich die Krimi-Reihe zwar zu Nutze, dass ein Leben im Kloster oder im Priesterseminar zwar als „abweichendes Lebensmodell“ gelte, „aber sie versucht, dieser Weltanschauung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, so die Forscherin: „Der Tatort stellt Priester oder Nonnen nicht als schräge und seltsame Typen dar, sondern zeigt – obwohl sie wie schräge, seltsame Typen wirken oder man das Gefühl hat, sie müssten es sein, weil sie etwa in einem Kloster leben – dass sie ganz normale Menschen sind.“

Auch die Religiosität der ermittelnden Kommissare hat Stockinger unter die Lupe genommen – und Parallelen zwischen Kirchenmännern und Kommissaren entdeckt: Zwar sei der Kommissar seit Sherlock Holmes auf die Rolle des Skeptikers und Rationalisten festgelegt – Ermittler Flemming formuliert es in „Heilig Blut“ so: „In meinem Beruf reicht Glauben eben nicht aus.“ Dennoch: „Beide, Kirchenvertreter und Kommissare, kämpfen für so etwas wie Gerechtigkeit, für das Gute, das Richtige. In dieser Hinsicht sind sie sich ähnlich.“

Einer der „jüngsten“ Kommissare der Reihe, der an einem Gehirntumor leidende Felix Murot (Ulrich Tukur), bringe diese Ähnlichkeit auf den Punkt: „Diese Figur vergleicht sich selbst mit einem Priester“, so Stockinger. „Sein Vater war protestantischer Pastor, und er sagt: ‚Das ist eine Familientradition. Wir sind beide in dem Projekt Erlösung tätig‘.“ Da verwundere es nicht, dass viele Täter-Kommissar-Gespräche „wie Beichten“ ablaufen: „Da geht es um Geständnisse und es geht tatsächlich auch um Lossprechungen in irgendeiner menschlichen Weise zumindest.“

Serien verändern Wahrnehmung der Menschen

Die Erforschung der Bedeutung von Religion in der ARD-Reihe Tatort ist für die Professorin Teil eines größeren Forschungsprojektes. Stockinger ist Mitglied einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Forschergruppe, die untersucht, wie Serien die Wahrnehmung der Menschen verändern oder beeinflussen.

Die Krimi-Reihe sei aufgrund ihrer langjährigen Laufzeit, der jeweils abgeschlossenen Handlung in 90 Minuten, des Regionalismus und des Anspruchs des Realismus für eine solche Untersuchung besonders geeignet, so die Professorin, die das Thema auch aus privaten Gründen fasziniert. Die Katholikin engagiert sich seit  Jahren in ihrer Heimatgemeinde St. Michael in Göttingen, mehrfach hat sie ehrenamtlich den Glaubenskurs für Erwachsene geleitet.

kpg/bar

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