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Rucksack-Verrenkungen vor der Richterin

Skurriler Prozess wegen Diebstahls Rucksack-Verrenkungen vor der Richterin

Ein wenig erinnert die Szene an Figurentheater: Ein Mann in schwarzer Robe mit Rucksack auf dem Rücken versucht vor den Augen der Richterin sein Handy in die Seitentasche des Rucksacks zu stopfen. Ob sie derart akrobatische Verrenkungen am Angeklagten bemerkt habe, will Verteidiger Sven Adam von der Zeugin wissen.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Nein, sagt die. Hätte sie aber eigentlich müssen, denn gerade hatte sie erzählt, dass sie genau auf die Hände des Angeklagten, den sie gerade vor sich her führte, geachtet habe, weil der mal mit der einen, mal mit der anderen Hand einen „kameraähnlichen Gegenstand“ hochgehalten und alles gefilmt habe.

Pazifist findet spontan Funkgerät in seiner Tasche

Die skurrile Szene spielt im Amtsgericht, wo unter großen Sicherheitsvorkehrungen die Verhandlung wegen Diebstahls gegen einen 26 Jahre alten Studenten aus der linken Szene läuft. Der junge Mann ist Pazifist. Als am 8. Februar 2014 in der Berufsschule II die Göttinger Berufsinformationstage (Gö-Bit) liefen, war er einer von drei Demonstranten, die mit Transparenten gegen die Werbeaktion der Bundeswehr protestierten. Polizisten komplimentierten die Demonstranten raus, wo sie ein Hausverbot erhielten. Auf dem Schulhof bemerkte einer der Beamten, dass in der Netz-Seitentasche des Rucksacks ein Polizei-Funkgerät steckt – offen sichtbar. Es gehörte der Beamtin, die den Demonstranten gerade durchs Gewühl nach draußen gedrängt hatte.

Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls

Daraus wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls. Doch einen Strafbefehl gegen den bisher unbescholtenen Studenten lehnte der zuständige Richter ab. Es sei „völlig lebensfremd“ in einer solchen Situation ein Funkgerät stehlen zu wollen und es für jedermann sichtbar in die Netztasche zustecken.

Die Staatsanwaltschaft ging in Beschwerde, erhielt bei der Nachfolgerin des inzwischen pensionierten Richters ihren Strafbefehl, so dass nach Einspruch nun verhandelt wird.

Ob der Beschuldigte überrascht gewesen sei, als man das Funkgerät bei ihm fand, will der Verteidiger wissen. „Ja, ein stückweit sicher überrascht.“ Er habe gesagt, „das muss die mir zugesteckt haben“, sagt einer der Polizisten.
Trotz der vorgeführten Verrenkungen und der bezeugten Überraschung sieht die Anklagevertreterin am Ende der Beweisaufnahme den Vorwurf des Diebstahls als bestätigt an. Sie beantragt 25 Tagessätze zu je 15 Euro. Anwalt Adam indes will „selten ein Plädoyer gehört“ haben, „das dem Ergebnissen der Beweisaufnahme derart widerspricht“. Sein Mandant sei „der dümmste Verbrecher der Welt“, wenn er es gewesen wäre und das Funkgerät offen sichtbar in die Netztasche gesteckt hätte.

Die Richterin spricht den 26-jährigen am Ende frei. Entscheidend sei, dass die Polizistin – die ja wegen des Filmens auf die Hände geachtet haben will – nichts vom „Rumhantieren“ bemerkt habe. Es spreche also mehr für als gegen ihn, deshalb der Freispruch.

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