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„Scheißzecken“ und „Scheißburschis“

Aus dem Amtsgericht „Scheißzecken“ und „Scheißburschis“

Die Anklage ist schnell verlesen. „Ohne Grund“ habe der 23 Jahre alte Angeklagte den beiden Geschädigten Pfefferspray in die Augen gesprüht. Etwas länger dauert die Aussprache zwischen Richterin, Staatsanwalt, Verteidiger und den beiden Nebenklage-Vertretern aus Hannover.

Hinterher, berichtet Richterin Jana Zapf, besteht aber Einigkeit über dieses: Für den Fall eines Geständnisses und der Verpflichtung, an die beiden Geschädigten „bestimmte Geldbeträge“, nämlich 500 und 250 Euro zu zahlen sowie die Kosten der Nebenklage zu erstatten, „wird dem Angeklagten eine Geldstrafe von 50 bis 100 Tagessätzen in Aussicht gestellt“. Alle sind sichtlich zufrieden.

Das Geständnis kommt dann von Verteidiger Sven Adam: Der Angeklagte räume die Tat, wie angeklagt, ein. Punkt. Der junge Angeklagte kommentiert das knapp: „Ja, das ist schon richtig.“ Dass die Richterin noch ein paar Nachfragen hat, passt dem Verteidiger nicht. „Das brauchen wir doch gar nicht mehr“, wendet er ein. Was er nicht sagt ist: Das haben wir doch alles besprochen. Dennoch, die Richterin möchte schon wissen, warum der Angeklagte den beiden Kontrahenten Pfefferspray in die Augen gesprüht hat. Dazu, so Adam, würde er aber „keine Erklärung“ abgegeben.

Na gut, vielleicht ganz kurz: Es habe eine Auseinandersetzung gegeben, in deren Verlauf die Worte „Scheißzecken“ und „Scheißburschis“ gefallen seien. Die Reaktion seines Mandanten, den beiden Verbindungsstudenten dann Reizgas in die Augen zu sprühen, bewertet Adam auch als „hoffnungslos übertrieben.“ Das soll reichen.

Wenn es nach den Rechtsanwälten ginge, könnten die Amtsrichterin und das Volk stante pede ihr Urteil verkünden. Die möchte aber noch die beiden Geschädigten hören. Nun rumort es bei den Rechtsanwälten der Opfer. Auch hier der Einwand unisono: Das brauchen wir doch nicht. Zapf ergreift zum ersten Mal die Verhandlungsführung. „Doch, ich brauche das.“

Nun berichten die beiden Geschädigten, Verbindungsstudenten aus Göttingen. Nach einer Veranstaltung auf dem Verbindungshaus sei man gemeinsam Richtung Innenstadt gegangen, um Zigaretten zu kaufen. Vor einem Haus in der Roten Straße seien beide von dem Angeklagten „freundlich“ auf die Verbindungsfarben angesprochen worden, in denen sie unterwegs waren. Einer der Geschädigten kennt den Angeklagten aus einem Studien-Seminar, das beide besuchen. Politikwissenschaften. Was dann folgte, war mitnichten ein akademischer Disput. Rasch hätten sich andere Hausbewohner dazu gesellt und die beiden Korporierten aufgefordert, ihre Bänder abzunehmen und sich zu entfernen: „Verpisst euch!“

Einer der beiden Verletzten musste vom Notarzt in die Augenklinik gebracht werden. Der andere stolperte zurück auf das Verbindungshaus und wurde dort von einem Arzt versorgt. Die Sache ist klar. Staatsanwalt und Nebenklägervertreter haben keine Fragen. Der Verteidiger des Reizgassprühers eigentlich auch nicht, kann sich eine Nachfrage ob der Schönheit dieser Stilblüte nicht verkneifen. „Stimmt es“, fragt er das Opfer, „dass Sie meinem Mandanten das entblößte Hinterteil gezeigt haben?“ Sven Adam ringt sichtlich um Fassung, nicht gleich loszuprusten vor Lachen. Der Zeuge verneint, obwohl es sicherlich nicht der erste Verbindungsstudentenhintern gewesen wäre, der in Göttingen das Dunkel der Nacht erblickt hätte. Sei es drum.

Der Vergleich zwischen den Streithähnen ist längst beschlossene Sache und wird der Form halber protokolliert. Eigentlich keine große Angelegenheit. Nur die Rechtsanwälte der Nebenklage sind sich nicht ganz einig auf welches Advokatenkonto, zu welchen Händen und zu welchem Zeitpunkt die Zahlung eingehen soll. Einigkeit herrscht wieder bei den Anträgen: Alle sind, nach bemerkenswert kurzen Schlussvorträgen, für eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 20 Euro.

Das Urteil ist wenig überraschend. 60 Tagessätze in Höhe von je 20 Euro. Mit den Zahlungen an die Geschädigten plus Gerichtskosten macht das unterm Strich rund 2000 Euro. Das zahlt der Student aber gewiss gerne. Denn ohne Täter-Opfer-Ausgleich hätte die Mindeststrafe bei einem halben Jahr Haft gelegen.

Von Lukas Breitenbach

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