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Schon sechs Tote durch Cloud Nine

Sprung in den Tod Schon sechs Tote durch Cloud Nine

Erst hämmerte er mit einer Luftpumpe aufs Balkongeländer, grölte unverständliches Zeug. Passanten wollten schon die Polizei rufen. Dann beruhigte er sich. Eine Stunde später sprang er aus dem achten Stock in den Tod. Göttingens mutmaßlich sechstes Drogenopfer durch die Horrordroge Cloud Nine.

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Quelle: EF

Göttingen. Der unerklärliche Suizid durch Sprung vom Idunazentrum in der vergangenen Woche wird der Droge zugeschrieben, weil die psychotrope Substanz Methylendioxypyrovaleron (MDPV), auch bekannt als Cloud Nine, in der Wohnung des Opfers nachgewiesen wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem Tod zweier 44 und 57 Jahre alter Männer, die am 2. Februar tot in einem Apartment der Wohnanlage in der Groner Landstraße gefunden wurden.

Auch sie haben die Droge MDPV genommen und mutmaßlich überdosiert. Auch von den 14 Drogentoten des vergangenen Jahres, so Martin Freyberg, Drogenexperte der Kriminalpolizei der Inspektion Göttingen, werden drei als MDPV-Opfer angesehen. Das Phänomen dieser Droge, so bei der Vorstellung der Kriminalstatistik in dieser Woche Polizeivizepräsident Bernd Wiesendorf, sei "einzigartig in der Bundesrepublik".

Dabei, so Freyberg, habe sich die Szene beruhigt. Die Konsumenten, fast ausschließlich ehemals Heroinabhängige, könnten inzwischen mit der hochpotenten Ersatzdroge besser umgehen. Bei Überdosierung führe diese zu Verfolgungswahn, Angstzuständen und aberwitzigem Verhalten.

Immer mehr Drogendelikte

In den vergangenen Jahren sind Konsumenten dadurch aufgefallen, dass sie nackt durch die Stadt rannten, im Affenkostüm Passanten behelligten, in der Fußgängerzone auf ein Lastwagendach kletterten und pöbelten, oder in einem Fall gar ein Abhängiger im Polizeipräsidium wähend der Finagerabdruckabnahme einem Polizisten die Waffe entriss und um sich schoss.

Sehr oft, so Freyberg, haben MDPV-Abhängige den Drang, sich zu bewaffnen, weil sie sich verfolgt fühlen. Bei Durchsuchungen in der Szene werden vielfach verbotene Waffen gefunden.

Die gerade vorgelegte Kriminalstatistik weist seit zwei Jahren einen rasanten Anstieg an Drogendelikten auf: von 34 im Jahr 2013 auf 120 im Folgejahr und 221 im Jahr 2015. Das ist in erster Linie der Ermittlungsgruppe 743 zu verdanken. Die wurde am 10. März 2015 gegründet und konzentriert sich mit acht Beamten, vier von ihnen verteilt in den Fachkommissariaten, auf die neue Droge. Der Erfolg war groß: 13 Dealer wurden festgenommen, sieben gingen in Haft. Die Szene von 100 bis 120 regelmäßigen MDPV-Konsumenten wurde erhellt.

Dennoch wird die Ermittlungsgruppe Ende des Monats aufgelöst. Vieles habe sich eingespielt, sagt Freyberg. Weil viele der Dealer in Therapie oder Haft sind, so Kripochef Volker Warnecke, seien auch die Beschaffungstaten nicht mehr angestiegen - zumal die Droge günstig ist.

Warum aber ist und bleibt Göttingen einziger MDPV-Brennpunkt? "Wir haben feststellen können, dass der Stoff aus Internetshops aus den Niederlanden stammt", sagt Freyberg. Die ehemalige Heroin-Szene hatte nach der Festnahme eines Großdealers 2010 neue Quellen gesucht - teils im Internet.

Und weil MDPV zumindest den Suchtdruck bei Heroinabhängigen nimmt, wurde in Holland weiter bestellt. Zudem enthält die Droge eine Substanz, das Opioid Fentanyl, die früher oft auch Heroin als Streckmittel beigemischt war. Daran seien die alten Junkies gewöhnt.

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