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Schreiminute, Südspange und Schnee

Wochenendkolumne Schreiminute, Südspange und Schnee

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Gedenktage gibt es ja nun mehr, als das Jahr an Tagen überhaupt zu bieten hat. Vor mehr als zehn Jahren habe ich in einer Glosse als Scherz den „Tag der Banane“ erfunden. Mittlerweile, so steht zu befürchten, gibt es den tatsächlich. Die Vermutung kam mir, als ich gestern über einen denkwürdigen anderen Gedenktag gestolpert bin: Der Art’s Birthday (frz. anniversaire de l’art, auf deutsch: Geburtstag der Kunst. Den hat im Jahr 1963 der französischen Fluxus-Künstler Robert Filliou (1926-1987) willkürlich auf den Tag seiner eigenen Geburt, den 17. Januar, und auf 1.000.000 Jahre vor 1963 festgelegte. Inzwischen wird er tatsächlich jährlich zelebriert und findet weltweit Resonanz. Prinzip der Aktion ist es, der Kunst im Sinn von Fillious „création permanente“ (ständige Schöpfung) über ein „Eternal Network“ (immerwährendes Netzwerk) mittels Post, Fax, E-Mail, Internet und Radio sowie auf jede andere erdenkliche Art Geschenke darzubringen. Einzige Regel ist, dass jeder Geschenke versenden und empfangen, beziehungsweise austauschen soll. In Frankreich wurde am 16. Januar 2007 die landesweite Aktion 1.000.044. Geburtstag der Kunst / 24 Stunden, um die zeitgenössische Kunst in Frankreich zu feiern, veranstaltet und um Punkt Mitternacht im Palais de Tokyo durch eine „Schreiminute“ (Gegenteil der Gedenkminute) eröffnet. Wer glaubt, das sei es schon gewesen, irrt: Besonders aktiv sind am Art’s Birthday seit einigen Jahren Radiosender, darunter auch der Deutschlandfunk. Sie tauschen an diesem Tag ihre „Klangkunst“ über Satelliten aus.
Wieso mir dabei einfällt, dass wir uns eigentlich mitten in der fünften Jahreszeit, im Karneval, befinden, dürfte klar sein. Nun ist das bekanntlich in Göttingen selbst ein weitgehend unbekannter Brauch – dafür wird er umso fröhlicher im katholischen Eichsfeld gepflegt, ebenso wie im südlichen Landkreis und direkt an der Weser. Falls Sie Lust zu einer solch närrischen Sitzung haben: Es sind gerade mal noch vier Wochen bis Rosenmontag. Also: Hinein ins Vergnügen. Oder machen Sie es wie viele Göttinger Kleingruppen: Die buchen alljährlich einen Ausflug in eine Narrenhochburg und erholen sich vom tiefgehenden Ernst der südniedersächsischen Metropole.
Denn hier geht es derzeit in ernsten Eifer vor allem um eines: die Südspange. Warum nun die SPD-Stadtratsfraktion mit einem Bürgerbegehren ( nach inzwischen jahrzehntelanger öffentlicher Debatte) erfragen will, was denn des werten Bürgers tatsächliches Begehr sei. Was die CDU nun wiederum für ein Ablenkungsmanöver zur Umgehung der Umgehungsstraße hält. Wobei allerdings nicht mehr so ganz klar ist, ob sie sich noch erinnert, dass sie selbst im April 2009 eine „Bürgerbefragung zur Südspange“ in die Diskussion gebracht hat. Zugebenermaßen hat sie dieses Projekt noch im gleichen Monat wieder in die Schublade gepackt – weil sich damals gerade eine Mehrheit für die Südspange im Rat abzeichnete. Was man also damals für zumindest diskussionswürdig befand, ist nun Zeit- und Geldverschwendung oder gar „Wählerbetrug“ – so die FDP heute. Über das Verfallsdatum politischer Auffassungen ist ja schon anderswo hinlänglich philosophiert worden.
Wir ersparen uns das heute lieber und kommen zum Schluss noch mal auf das schönste Thema dieser Woche: die herrlichen Seiten des immer noch anhaltenden Winters. Hunderte von Leserfotos haben uns erreicht – die wir nicht alle abdrucken konnten, aber alle, wirklich alle für jedermann sichtbar ins Internet gestellt haben (www.goettinger-tageblatt.de). Eine andere Art der Winterfreude wird heute im Cheltenhampark erwartet: Um 14.30 Uhr, so hat es sich per Netz und Twitter verbreitet, steigt dort eine Schneeballschlacht. Sie müssen sich dabei nur entscheiden, ob Sie für Nord oder für Süd werfen. Närrische Zeit eben.

Ilse Stein

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