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Schüsse auf linkes Studentenwohnheim in Göttingen

Druckluftwaffe Schüsse auf linkes Studentenwohnheim in Göttingen

Ein 21-jähriger Mann hat am Sonntag vom Grundstück der Burschenschaft Germania in der Bühlstraße 11 aus mehrere Schüsse aus einer Druckluftwaffe auf das schräg gegenüberliegende, rund 50 Meter Luftlinie entfernte Haus der studentischen Wohngemeinschaft Bühlstraße 28 abgegeben. Polizeisprecher Joachim Lüther bestätigte am Montag eine entsprechende Mitteilung der Wohnrauminitiative.

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Ein 21-jähriger Mann hat am Sonntag vom Grundstück der Burschenschaft Germania in der Bühlstraße 11 aus mehrere Schüsse aus einer Druckluftwaffe auf das schräg gegenüberliegende, 100 Meter Luftlinie entfernte Haus der studentischen Wohngemeinschaft Bühlstraße 28 abgegeben.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Bei den Schüssen aus dem ersten Obergeschoss der Studentenverbindung auf das selbst verwaltete Wohnheim sei niemand verletzt worden, sagte Lüther.

Nach Schilderungen der Wohnrauminitiative sei von dem Schützen durch ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss auf die im Raum befindlichen Personen gezielt worden, hätten diese aber verfehlt.

Die Polizei habe, so Lüther weiter, die Personalien des Schützen, der sich zu der Tat bekannt hat, festgestellt und zwei so genannte Softair-Waffen sichergestellt. Als Tatzeit nennt die Polizei 16.45 Uhr. Sie leitete ein Strafverfahren wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung ein.

"Die Hintergründe zu dem Vorfall sind gegenwärtig noch nicht geklärt. Weitere Ermittlungen dauern an", sagte Lüther. Gegen einen von der Wohnrauminitiative bezichtigten, möglicherweise zweiten Schützen werde nicht ermittelt, sagte Lüther.

Kris Ossig, Mitglied der Germania, betonte, dass es sich bei dem Schützen, gegen den nun ermittelt wird, um ein ehemaliges Mitglied der Verbindung handele. Sebastian Fischer von der Altherrenschaft der Germania, ergänzte, dass der 21-Jährige erst vor drei Wochen aus der Verbindung ausgeschlossen wurde. Aus welchen Gründen wollte er nicht sagen.

Schütze lediglich "Hausgast"

Der Schütze sei ein derzeit lediglich zur Miete wohnender "Hausgast", sagte Ossig. Das gelte auch für den mutmaßlichen zweiten Schützen. "Zur Beendigung der bestehenden Mietverträge mit den betreffenden Studenten ist bereits ein Anwaltsbüro eingeschaltet", sagte Fischer.

Der Schütze habe keinen Grund für seine Tat nennen können, sagte Ossig. Alkohol sei nicht im Spiel gewesen. Die einzigen beiden Druckluftwaffen, die sich im Haus der Burschenschaft befunden haben und bei denen es um Privatbesitz handelt, hätte die Polizei mitgenommen, sagte Fischer.

Bei den beschlagnahmten Waffen handelt es sich um Softair-Waffen. Eine ist einem Sturmgewehr nachempfunden, die zweite einer Pumpgun. Sie verschießen kleine bis sechs Millimeter durchmessende Plastikkugeln. Beide Waffen sind frei verkäuflich. Das Mindestalter für den Besitz liegt bei 14 Jahren, sagte Lüther.

Eine Bewohnerin der Bühlstraße 28 kommentierte den Vorfall: "Gewalt von Verbindungsstudenten gegenüber unserem Haus ist kein Novum. Bisher gab es bereits mehrere Fälle von Diebstahl, Sachbeschädigungen, Körperverletzung und Beleidigungen von Seiten Korporierter. Aus dem Hinterhalt im eigenen Haus beschossen zu werden, stellt jedoch eine neue Dimension der Gewalt dar. Wir sehen diesen Angriff als politisch motiviert an, da unser Haus mit seinen politischen Transparenten klar als linkes Haus wahrgenommen wird und in der Wohnrauminitiative organisiert ist.“ Fischer betonte, dass seine Burschenschaft Gewalt aus Schärfste verurteile. Er bedauere den Zwischenfall und die "eingetretenen Beeinträchtigungen in unserer Nachbarschaft".

Eklatante Menschenfeindlichkeit

Für einen Sprecher der Grünen Jugend (GJ) überschreitet das Schießen auf Menschen "sämtliche juristischen und ethischen Grenzen dieser Gesellschaft". Eine "eklatante Menschenfeindlichkeit und ein sehr hohes Maß an Verrohung" spreche aus ihr. "Diese Eskalation der Gewalt darf nicht einfach so hingenommen werden, weder von der Zivilgesellschaft, noch von offiziellen Stellen", heißt es in einer Stellungnahme.  

Die GJ fordert das Präsidium der Universität und Präsidentin Ulrike Beisiegel auf, aktiv zu werden und als ersten Schritt die Liste mit Studentenverbindungen sofort von der Universitätshomepage zu entfernen. "Die Uni darf es nicht tolerieren, dass ihre Studierenden und andere in Göttingen lebenden Menschen von anderen Studenten beschossen, bedroht und beleidigt werden."

Erst am Dienstag war der Sprecher der Wohnrauminitiative am helllichten Tag in Theaterstraße durch Mitglieder der Studentenverbindung Landsmannschaft Verdensia angegriffen worden. Sie verletzten ihn dadurch am Knie. Der Sprecher ist weiterhin in ärztlicher Behandlung. Hinweise auf einen Zusammenhang zu den Schüssen vom Sonntag gibt es nach Lüthers Angaben bislang nicht.

"Neue Dimension der Gewalt"

„Wir haben mit der Band geprobt, hatten das Fenster auf, weil es so heiß und plötzlich hörten wir ein Klackklackklack“, schildert ein Augenzeuge den Beschuss des Wohnheims Bühlstraße 28. In dem Moment habe noch niemand der fünf Leute, die sich in dem Raum aufhielten, realisiert, dass sie beschossen wurden.

Erst als ein Geschoss mit „sehr hoher Geschwindigkeit“ dicht vor seinem Gesicht vorbei geflogen sei, sei ihm klar gewesen, dass auf ihn geschossen wurde. Er habe zu dem Zeitpunkt mit dem Gesicht zum geöffneten Fenster gesessen. Gesehen habe er zunächst nicht, woher der Beschuss kam. Erst beim Blick aus dem Fenster hätten sie den Schützen entdeckt, der sich im Obergeschoss des gegenüberliegenden Verbindungshauses in einem Fenster versteckt hielt.

Die Geschosse, kleine Kugeln aus Hartplastik, die der Schützen ins Zimmer geschossen hat, waren nicht die einzigen, die der Schütze verschossen hat: Im Garten vor dem Wohnheim hätten sich, so berichtet der Augenzeuge, um die 60 weitere Kugeln gefunden. Bewohner des Hauses hatten am Sonntag zunächst die Burschenschafter zur Rede gestellt und anschließend die Polizei alarmiert.

Eine der Bewohnerin der Bühlstraße 28 kommentierte den Vorfall: „Gewalt von Verbindungsstudenten gegenüber unserem Haus ist kein Novum. Bisher gab es bereits mehrere Fälle von Diebstahl, Sachbeschädigungen, Körperverletzung und Beleidigungen von Seiten Korporierter. Aus dem Hinterhalt im eigenen Haus beschossen zu werden, stellt jedoch eine neue Dimension der Gewalt dar. Wir sehen diesen Angriff als politisch motiviert an, da unser Haus mit seinen politischen Transparenten klar als linkes Haus wahrgenommen wird und in der Wohnrauminitiative organisiert ist.“

Inzwischen haben der Augenzeuge und sein Anwalt Strafanzeige wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung gestellt.

Artikel aktualisiert, Dienstag, 21. Juli, 0.30 Uhr: Entfernung zwischen den Häusern von 100 auf 50 Meter Luftlinie korrigiert.

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