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Schulen zeigen immer mehr Schwänzer an

Genügend Hilfsangebote vorhanden Schulen zeigen immer mehr Schwänzer an

Heute beginnt wieder die Schule – aber nicht für jeden. Denn immer mehr Schüler schwänzen in Göttingen offenbar den Unterricht. Darauf deuten Zahlen des zuständigen Ordnungsamtes hin.

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Keine Lust auf Schule: In Göttingen schwänzen immer mehr Schüler den Unterricht – die Zahl der Anzeigen ist gestiegen.

Quelle: dpa

Göttingen. Im vergangenen Jahr erstatteten die Schulen bei der Stadt 330 Anzeigen gegen Schwänzer oder ihre Eltern, im Jahr 2010 waren es 255, im Jahr 2009 230. Das teilte Stadtsprecher Hartmut Kaiser auf Anfrage mit.

In wie vielen Fällen wegen des Fernbleibens vom Unterricht Bußgelder gegen Schüler oder ihre Eltern verhängt wurden, kann Kaiser nicht genau sagen. „Eine überschlägige Prüfung der Fälle hat jedoch ergeben, dass rund 80 bis 90 Prozent der Verfahren mit einem Bußgeld endeten.“
Eine hohe Quote, denn bevor es zu einer Anzeige kommt,  rufen Lehrer oder Schulmitarbeiter mehrmals bei den Eltern an und weisen auch per Brief auf das Schwänzen des Kindes hin. Wenn dies nicht wirke, werde zudem der Allgemeine Sozialdienst (ASD) eingeschaltet, erklärt Kaiser.

„Der ASD nimmt entweder direkt Kontakt zu den Schülern und ihren Familien auf, oder es erfolgt ein gemeinsames Gespräch (Eltern Lehrer, Schüler, ASD) in der Schule.“ Falls erforderlich, würden weiterführende Beratungs- und Hilfsangebote gemacht oder spezielle Programme für Schulverweigerer auferlegt.

Erst wenn alle Gesprächs- und Hilfsangebote nicht angenommen werden, leitet die Schule ein Bußgeldverfahren gegen die Eltern oder direkt gegen schulpflichtige Kinder ab 14 Jahren ein. Das Bußgeld werde im Einzelfall und tatbezogen festgesetzt und beginne beim „einfachen Schwänzen“ bei 50 Euro, sagt Kaiser. Wird nicht gezahlt, landet das Verfahren vor dem Amtsgericht Göttingen, das die Strafen in Sozialstunden oder Jugendarrest umwandelt.

Erhebliche Schulversäumnisse bis zur vollständigen Schulverweigerung seien keine Bagatelle, sondern ein „gewichtiger Anhaltspunkt einer Kindeswohlgefährdung“, betont Kaiser. Der ASD könne sogar  Sorgerechtsverfahren wegen Kindeswohlgefährdung oder im Einzelfall Strafverfahren gegen die Eltern wegen Verletzung der Fürsorgepflicht einleiten.

Allerdings, so betont Jugenddezernent Siegfried Lieske: „Strafen sind für uns das letzte Mittel.“ Es gebe in der Stadt Göttingen viele Hilfsangebote für Schulverweigerer. Schulen, Jugendamt, Justiz, die Kompetenzagentur Kontur, das Projekt „Zweite Chance“ und die Kindernothilfe seien unter anderem beteiligt – und arbeiteten „Hand in Hand für junge Leute. Da müssen wir uns nicht verstecken.“ Dennoch gelinge es „leider nicht, mit diesen Angeboten alle Schüler zur Erfüllung ihrer Schulpflicht zu bewegen“, stellt Stadtsprecher Kaiser fest.

Besserung ist also vorerst nicht in Sicht. Das belegen auch die aktuellen Zahlen. In diesem Jahr gingen bei der Stadt bis zu den Sommerferien bereits wieder mehr als 200 Anzeigen gegen Schulverweigerer ein.

Meistens fehlen Jungs

Um das Phänomen Schulverweigerer besser beurteilen zu können, führt die Stadt derzeit an neun weiterführenden Schulen eine Umfrage durch.

Das sagte Schuldezernent Siegfried Lieske gegenüber dem Tageblatt. Einige Ergebnisse für das erste Halbjahr liegen bereits vor. Demnach gaben 171 (acht Prozent) von 2160 befragten Schülern an, mehr als fünf unentschuldigte Fehltage gehabt zu haben. „Das ist unfassbar viel“, sagte Lieske. Ferner gebe es „leider eine relativ hohe Zahl“ an Schülern, die mehr als 20 Tage unentschuldigt fehlten.

Auffällig sei zudem, dass Schulverweigerungen in allen Schulformen vorkämen und vor allem „ein Problem der Jungs“ seien. Von den Schulschwänzern seien laut Umfrage 70 Prozent Jungen und 30 Prozent Mädchen. Eine „eindeutige Zuordnung zu einem bestimmten sozialen Milieu“ lasse sich im Übrigen nicht feststellen, betonte Lieske.

Die Gründe fürs Schuleschwänzen seien sehr unterschiedlich. Dabei sei vor allem an Gymnasien Mobbing ein Thema. „Das geschieht oft sehr subtil und ist kaum zu bemerken“, sagte Lieske.

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Kinderschutzbund aktiv

Wenn Kinder und Jugendliche die Schule schwänzen, „hat das mehr oder weniger einen langen schulischen, familiären oder sonstigen Vorlauf“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes im Kreis Göttingen, Henning Grahlmann. Um ihnen zu helfen, müssten die Betroffenen frühzeitig unterstützt werden.

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